Arno-Reinfrank-Literaturpreis 2024 geht an Anja Kampmann


Arno-Reinfrank-Literaturpreis 2024

„Die Jury würdigt sie als eine der begabtesten Autorinnen und Autoren deutscher Sprache der mittleren Generation“, teilt Jury-Mitglied Bürgermeisterin Monika Kabs mit.

Unter der Leitung des Autors und Freundes von Arno Reinfrank, Dr. Eckhart Pilick, wirkten kürzlich in Speyer neben der Kulturdezernentin auch Jeanette Koch, Witwe des Schriftstellers Arno Reinfrank und Stifterin, Ingo Rüdiger, Projektleiter des LiteraturBüro Mainz e.V. und Michael Au, Vertreter des Ministeriums für Familie, Frauen, Kultur und Integration des Landes Rheinland-Pfalz, in der Jury mit.

Juryentscheid

Die Jury ist sich einig: Schon mit ihrem 2016 im renommierten Hanser-Verlag erschienenen Debüt Proben von Stein und Licht habe Kampmann einen ganz eigenen Ton in die Lyrik gebracht: kristallin klar und doch rätselhaft zugleich.

Proben von Stein und Licht sei in fünf Zyklen unterteilt, die von der Fähigkeit der Dichterin zeugten, ihrer Lyrik eine formal wie inhaltlich überzeugende Struktur zu geben. Die mit glas, kalk, eis, salz und sand betitelten Zyklen seien stets überraschende Auseinandersetzungen mit diesen Materialien. Ausgehend davon gehe Kampmann den Dingen auf den Grund, indem sie Gegensätzliches zusammenbringe, Vertrautes und Fremdes einander gegenüberstelle.

Nachdem sie mit ihrer Lyrik vornehmlich die Fachwelt beeindruckt habe, habe Kampmann 2018 mit ihrem Roman-Erstling Wie hoch die Wasser steigen zusätzlich das breitere Lesepublikum von sich überzeugt.

Der Roman, eine Art Roadmovie eines wortkargen Arbeiters auf einer Öl-Bohr-Plattform, begeistere mit der Fähigkeit der Autorin, noch die randständigsten Dinge und Begebenheiten stets überraschend zu beschreiben.

Die Jury schließt sich dem Urteil der Wochenzeitung „Die Zeit“ an, die seinerzeit jubelte: „Hier ist eine Autorin zu entdecken, deren umfassende Weltaneignung durch Sprache sich am ehesten mit dem Schreibfuror Peter Handkes vergleichen lässt.“

Bis heute werde dem Roman, der 2018 für den renommierten Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, viel Aufmerksamkeit zuteil. So stand die Übersetzung in englischer Sprache 2020 auf der Shortlist des National Book Awards, des neben dem Pulitzer-Preis renommiertesten Literaturpreises der USA.

2021 folgte dann bei Hanser der zweite Lyrik-Band Der Hund ist immer hungrig. Auch ihn bewertet die Jury mit viel Sympathie für den illusionslosen Sound, der sich am besten durch lautes Lesen erschließe. Kampmanns Gedichte wirkten noch lange nach der Lektüre nach; das zeuge von ihrer großen dichterischen Klasse.

Anja Kampmann sei eine Autorin, die mit dem Werkstoff Sprache experimentiere und sich nie mit dem Erreichten zufriedengebe. Das mache sie zu einer solch interessanten Erscheinung im Literaturbetrieb, dass sie die Auszeichnung mit dem Arno-Reinfrank-Preis in hohem Maße verdiene.

Preisverleihung und Lesung

Die feierliche Preisverleihung sowie eine Lesung von Anja Kampmann aus ihrem aktuellen Werk finden im Rahmen der literarischen Reihe SPEYER.LIT statt am
6. und 7. März 2024, jeweils um 19.30 Uhr im Historischen Ratssaal.

Kurzvita Anja Kampmann

Anja Kampmann wurde 1983 in Hamburg geboren und studierte an der Universität Hamburg sowie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Sie erhielt bereits zahlreiche Auszeichnungen, darunter den MDR-Literaturpreis (2013), den Wolfgang Weyrauch-Förderpreis beim Literarischen März in Darmstadt (2015) und den Rainer-Malkowski-Preis (2021). Bei Hanser erschienen ihr Gedichtband Proben von Stein und Licht (Lyrik Kabinett, 2016), ihr Debütroman Wie hoch die Wasser steigen (2018), für den sie den Lessing-Förderpreis und den Mara-Cassens-Preis erhielt, sowie zuletzt der Gedichtband Der Hund ist immer hungrig (2021), der mit dem Günter Kunert Literaturpreis für Lyrik ausgezeichnet wurde.

Arno-Reinfrank Literaturpreis

Der Literaturpreis, welcher in Erinnerung an den 2001 in London verstorbenen Schriftsteller Arno Reinfrank (1934-2001) ins Leben gerufen wurde,  wird alle drei Jahre von der Stadt Speyer vergeben. Gestiftet wird er von der „Arno Reinfrank und Jeanette Koch-Stiftung“, die unter dem Dach der Kulturstiftung Speyer als Treuhandstiftung geführt wird.       
Frühere Preisträgerinnen und Preisträger sind: Tijan Sila (2021), Björn Kuhligk (2018), Svenja Leiber (2015), Daniela Dröscher (2012), Monika Rinck (2009) und Jan Wagner (2006).            
Mit dem Preis sollen deutschsprachige Schriftsteller für herausragende literarische Leistungen in Lyrik oder Prosa ausgezeichnet werden, die im Sinne des Werkes von Arno Reinfrank den Idealen des Humanismus und der Aufklärung verpflichtet sind beziehungsweise sich literarisch mit den Prozessen und Phänomenen von Wissenschaft und Technik auseinandersetzen.

Kurzvita Arno Reinfrank

Arno Reinfrank (1934-2001), in Mannheim geboren und in Ludwigshafen aufgewachsen, ging nach diversen Studienaufenthalten in Paris und Berlin 1955 aus Protest gegen die restaurative Politik der Bundesrepublik nach England und lebte bis zu seinem Tode am 28. Juni 2001 in London.

Reinfrank war Generalsekretär des P.E.N.-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland und und Träger zahlreicher Ehrungen und Literaturpreise. Sein vielgestaltiges und umfangreiches Werk umfasst publizistische Arbeiten, Prosa, Theaterstücke, Mundartgeschichten und Lyrik. Im Zentrum seines lyrischen Schaffens steht die zehnbändige „Poesie der Fakten“, in der sich Reinfrank zu den Fragen einer industrialisierten Welt äußert und auf symbolische Weise wissenschaftliche Fakten der modernen Welt auf den schriftstellerisch-ästhetischen Bereich überträgt.

Medieninformation der Stadt Speyer vom 8. Mai 2023