Vier Fragen an Angela Pfenninger


Wie erlebst Du die Zeit der Corona-Krise? Wie wirkt sich das auf Deinen Alltag und Dein Schaffen aus?

Ich habe zwei Standbeine: eine Teilzeitanstellung im Bereich Veranstaltungen und meine Freiberuflichkeit, in der ich mit meiner kleinen Agentur „Museum-Theater-Events“ Inszenierungen für Museen, Denkmäler und Jubiläen plane, schreibe und umsetze. In beiden dieser Welten war dieses Jahr für mich die reinste Achterbahn. Nach dem ersten Lockdown, wo es Absagen hagelte und nicht viel passiert ist, haben sich die Ereignisse überschlagen: Projekte, bei denen bis kurz vor knapp nicht klar war, ob sie umgesetzt werden oder nicht, haben gefühlt zehnmal so viel Zeit und Energie verschlungen wie normal. Ständig umplanen, Hygienekonzepte aktualisieren, Voranmeldungen einloggen, dann doch „virtuell gehen“… Und am Ende waren so gut wie alle Vorbereitungen für die Katz.
Insgesamt erlebe ich die Krise als eine permanente Kraftanstrengung. Alle um einen herum sind gereizt, harmlose Gespräche driften plötzlich in ideologische Grabenkämpfe ab, die Welt insgesamt scheint verrückt… Diese „mental load“, gepaart mit dem beruflichen Nicht-Wissen, was wann überhaupt kommt: das saugt einem die Batterien leer.
Im Vergleich zu vielen Kollegen aus der freien Szene hatte ich jedoch das große Glück, meinen Lebensunterhalt über die Anstellung decken zu können. Statt künstlerischer Auftritte sind freiberuflich mehr Projektmanagement- und Konzeptions-Aufträge reingeflattert. Beim Schreiben waren die Kontaktverbote kein Hindernis, sodass ich unterm Strich ausgelastet war und keine Existenznöte hatte.

Es wurden jede Menge Hilfspakete geschnürt – auch für Kulturschaffende und die Veranstaltungsbranche. Funktioniert das für Dich?

Von den Hilfspaketen wäre keines für mich in Frage gekommen, weil ich – wie viele Freiberufler – ja immer darauf geachtet habe, Betriebskosten gering zu halten. Insofern hätte ich nichts geltend machen können und Teilzeit angestellt war ich ja noch. Als im Sommer das neue Fördermodell des Landes mit Stipendien an den Start ging, habe ich einen Projektvorschlag für eine Stückentwicklung eingereicht und auch bewilligt bekommen. Das ging tatsächlich schnell und unbürokratisch.
Mir tut es allerdings in der Seele weh, dass viele Leute aus der Branche bei den Fördermaßnahmen leer ausgehen und seit März kaum etwas verdienen konnten. Sie werden jetzt indirekt dafür abgestraft, dass sie vor der Krise alles richtig gemacht haben (also wenig Fixkosten verursacht, und privat Rentenvorsorge betrieben haben). Das Wenige, was man sich in unseren unsicheren und unterbezahlten Berufsfeldern überhaupt fürs Alter ansparen kann, dann aufbrauchen zu müssen, obwohl für andere Branchen Unterstützung durchaus da ist, das empfinde ich als eine große UngerechtigkeitWas glaubst Du, wie sich die derzeitige Situation auf die Zukunft für Kulturschaffende bzw. die Veranstaltungsbranche auswirkt?

Mir fällt es schwer, die Tragweite abzusehen. So manche Eventfirma, nicht-subventionierte Theater, private Museen, Clubs und Kleinkunstbühnen werden vermutlich schließen müssen. Nicht alles funktioniert „digital“, weil Veranstaltungen von der Begegnung leben, vom Wummern, vom Vibe.
Viele Künstler werden – nach einem Jahr oder noch länger ohne jedes nennenswerte Einkommen – irgendwas Anderes machen (müssen) und uns nach der Krise nicht mehr mit ihrer Kunst erfreuen. Von der Depression darüber, so klaglos „verzichtbar“ zu sein, mal ganz abgesehen.
Klar ist die Kulturszene von jeher ein gut vernetztes, resilientes Völkchen, und es wird nicht alles untergehen. Wir werden kreativ bleiben, Wege finden, uns neu sortieren. Aber wenn das Geld knapper wird und Kultur wie üblich zur Streichposition, sehe ich einen harten Verteilungskampf auf uns zukommen. Wir dürfen die kulturelle Grundversorgung nicht leichtfertig opfern, weil sie Lebensqualität ausmacht, weil dort Kultur nicht nur passiv rezipiert, sondern auch aktiv von den Leuten mitgestaltet wird. Wir müssen uns fragen: was macht eine Stadt denn interessant und attraktiv? Wenn die Szenekneipen fehlen, die Kinos, Clubs und Theater, was bleibt dann übrig? Handyläden?
Was sind dann die Dritten Orte für junge Leute, wo tauschen und probieren sie sich aus, ohne ständig konsumieren zu müssen?
Mir graut vor den Leerständen, die vormals schlagende Herzen der Städte waren. Den Phantomschmerz darüber fühle ich jetzt schon.

Was erwartest Du von der Politik für die Zeit nach Corona?

Ich würde mir wünschen, dass wir von diesem unseligen Diskurs über „Systemrelevanz“ wieder wegkommen, und den Diskurs „Wie wollen wir leben?“ ernsthaft eröffnen. Momentan dient der Zweckrationalismus als wohlfeiles Argument, alle gesellschaftlichen Belange, die nicht direkt der Arbeit oder dem Konsum dienen, auszublenden. Wenn so ein Trend Fahrt aufnimmt, wird es schwer, ihn wieder umzukehren. Nur weil „Geist“ nicht quantifizierbar ist, dürfen wir kommenden Generationen nicht vorenthalten, was die Seele nährt, Vision und Experiment ermöglicht, zum Streben nach einer besseren Welt animiert. Dieser Materialismus, den die Krise letztlich nur sichtbar gemacht und zugespitzt hat, gehört hinterfragt und durch einen Wertekatalog ersetzt, der Mensch und Umwelt in den Mittelpunkt stellt.
Die Krise hat gezeigt, dass die Kulturpolitik in Deutschland keinen guten Stand hat. Der Vernetzungsgrad, der zwischen Künstlern auf der Arbeitsebene so ausgeprägt ist, verliert sich sozusagen „nach oben“ hin. Wir konnten lange keinen politischen Druck aufbauen, und scheitern nach wie vor an unseligen, urdeutschen Kategorien, wie der Einordnung von Kultur als freiwillige Leistung statt Pflichtaufgabe, oder an der Unterscheidung zwischen U- (Unterhaltungs-) und E- (ernster) Kultur. Diese Art Wahrnehmung, die uns in der Krise in eine Kategorie mit Schwimmbad, Bordell oder Biergarten geworfen hat, ist tief verwurzelt und muss kulturpolitisch langfristig konterkariert werden.
Mir ist aber auch klar, dass die Politik in großen Sachzwängen steckt, von denen die Sorge um die Kultur nur eine „Baustelle“ von vielen ausmacht.
Mit Zwängen meine ich nicht einmal den unseligen Lobbyismus, sondern das normale politische Geschäft: eine Unzahl von berechtigten Belangen zu moderieren, Kompromisse und Entscheidungen herbeizuführen, mit denen möglichst viele gut leben können.
Auch wenn man sich über Fehlentwicklungen aufregen kann und soll: ich bin dennoch froh, zu dieser kritischen Zeit in einem Land zu leben, wo es immerhin einen funktionierenden Rechtsstaat gibt, wo man die Menschen nicht ohne medizinische Versorgung links liegen lässt oder neu entwickelte Überwachungstechnologien flugs ganz anderen Zwecken zuführt - ohne jede öffentliche Diskussion.
Wo es früher 80 Mio. Bundestrainer bei uns gab, sind es jetzt plötzlich ebenso viele Virologen und Bundeskanzler. Aber angesichts der großen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verwerfungen durch Corona möchte ich nicht in der Haut der Entscheidungsträger stecken und fände es fatal, übermenschliche Maßstäbe anzulegen.


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