
In der Jurybegründung heißt es: Levin Westermann ist ein zurückhaltender Einzelgänger in der Landschaft der deutschsprachigen Gegenwartslyrik. Seine Gedichte arbeiten stets mit sparsamem Vokabular und mit präziser Motivik. Sie entfalten Szenarien des Einsiedlertums, der Fremdheit und Befremdung, der existenziellen Geworfenheit. Man begegnet in den kargen Endzeitlandschaften eigenartigen Gestalten, und schrecklichen Engeln, „die sich mit Staub vollstopfen“, einem Reh, das bewusst vor einen Zug läuft. Wälder brennen, in den Städten staut sich der Verkehr – die Zeit von Levin Westermanns Gedichten ist zweifellos die Endzeit. In ihrer großen Härte und ihrer Verwandtschaft zum Schweigen sind diese Gedichte in ihrem sprach- und menschenkritischen Blick auch Zeichen einer Widerständigkeit. Sie biedern sich nicht an, sind Erben einer sprachskeptischen Tradition im Sinne Ilse Aichingers. Deren poetologische Aussage „Ich gebrauche jetzt die besseren Wörter nicht mehr“ trifft auch auf die Gedichte von Levin Westermann zu.
Die Preisverleihung findet am Mittwoch, 24. Februar 2027 in Speyer statt, am darauffolgenden Abend wird Levin Westermann im Rahmen der literarischen Reihe „SPEYER.LIT - Lesung. Performance. Livemusik“ aus den preisgekrönten Bänden lesen.
Kurzvita Levin Westermann
Levin Westermann, geboren 1980 in Meerbusch, ist Lyriker und Essayist und lebt in Biel (CH). Er studierte Philosophie und Soziologie in Frankfurt am Main sowie von 2009 bis 2012 am Schweizerischen Literaturinstitut Biel. Mit „Schimmelpilz als Zwiebelmuster“ gewann er 2010 den Lyrikpreis beim XVIII. open mike. 2012 erschien sein Debütband „unbekannt verzogen“, der 2014 mit dem Wiesbadener Lyrikpreis Orphil ausgezeichnet wurde. 2013 war Westermann Stipendiat am Literarischen Colloquium Berlin. Für seinen 2019 erschienenen Lyrikband „bezüglich der schatten“ erhielt er 2020 den Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg. 2020 wurde er von Hubert Winkels zu den 44. Tagen der deutschsprachigen Literatur eingeladen und erreichte die Shortlist des Ingeborg-Bachmann-Preises. Zuletzt erschien sein Romandebut „Zugunruhe“ (2024) im Verlag Matthes & Seitz.
Arno-Reinfrank-Literaturpreis
Der mit 5.000 Euro dotierte Arno-Reinfrank-Literaturpreis wurde 2006 ins Leben gerufen. Seitdem wird er alle drei Jahre von der Stadt Speyer vergeben. Verliehen wird der Preis an Autoren, die im Sinne des Werkes von Arno Reinfrank arbeiten. Zu den bisherigen Ausgezeichneten zählen Anja Kampmann (2024), Tijan Sila (2021), Björn Kuhligk (2018), Svenja Leiber (2015), Daniela Dröscher (2012), Monika Rinck (2009) und Jan Wagner (2006).
Die Jury besteht derzeit aus Jeanette Koch (Stifterin, Witwe von Arno Reinfrank), Dr. Eckhart Pilick (Autor), Ingo Rüdiger (Literaturbüro e. V. Mainz für Rheinland-Pfalz, Verleger des Ventil Verlags), Prof. Dr. Alexander Schubert (Bürgermeister der Stadt Speyer für Kultur, Soziales, Bildung und Sport), Katharina Schultens (Autorin und Leiterin des Hauses für Poesie Berlin e. V.) und Beate Tröger (Literaturkritikerin).
Kurzvita Arno Reinfrank
Arno Reinfrank (1934-2001), in Mannheim geboren und in Ludwigshafen aufgewachsen, ging nach diversen Studienaufenthalten in Paris und Berlin 1955 aus Protest gegen die restaurative Politik der Bundesrepublik nach England und lebte bis zu seinem Tode am 28. Juni 2001 in London.
Reinfrank war Generalsekretär des P.E.N.-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland und Träger zahlreicher Ehrungen und Literaturpreise. Sein vielgestaltiges und umfangreiches Werk umfasst publizistische Arbeiten, Prosa, Theaterstücke, Mundartgeschichten und Lyrik. Im Zentrum seines lyrischen Schaffens steht die zehnbändige „Poesie der Fakten“, in der sich Reinfrank zu den Fragen einer industrialisierten Welt äußert und auf symbolische Weise wissenschaftliche Fakten der modernen Welt auf den schriftstellerisch-ästhetischen Bereich überträgt.
Weitere Informationen zu Arno Reinfrank sowie den bisherigen Preisträgerinnen und preisträgern sind unter www.speyer.de/literaturpreis und www.arno-reinfrank.de verfügbar.
Medieninformation der Stadt Speyer vom 4. August 2026


