Naturwaldentwicklung in den Rheinauen


Stiel-Eiche (Quercus robur) in der Krautschicht
Stiel-Eiche (Quercus robur) in der Krautschicht


Hartholzauen unterliegen aufgrund ihres hohen ökologischen Wertes und ihrer Gefährdung einem besonderen Schutz. Sie gehören zum Lebensraumtyp 91F0 der FFH-Richtlinie und zählen zu den besonders geschützten Biotopen nach § 30 Bundesnaturschutzgesetz.

Der untersuchte südliche Speyerer Rheinauenwald wurde erst kürzlich (2015) aus der forstwirtschaftlichen Nutzung genommen. Zusätzlich hat der Stadtrat beschlossen, für den Zeitraum der laufenden Forsteinrichtungsperiode (2015-2025) ein kontinuierliches Monitoring von fachkundiger Seite durchzuführen, um die natürliche Waldentwicklung zu begleiten. Im Jahr 2010 wurden vor diesem Hintergrund bereits Kartierungen der Frühjahrsgeophyten, Auenamphibien und Vögel durchgeführt. Diese Untersuchungen bilden Ausgangspunkt meiner Masterarbeit, in der ich Veränderungen in der Krautschicht untersucht und Empfehlungen für ein zukünftiges Monitoringprogramm abgeleitet habe. Ein besonderer Fokus lag dabei auf der Kartierung der Frühjahrsgeophyten und der Verjüngung der Stieleiche in der Krautschicht. Von der Gesamtfläche des südlichen Speyerer Auenwalds (149,2 ha) habe ich für die Kartierung im Jahr 2018 und für die Lage der Vegetationsaufnahmen jeweils eine Fläche mit FFH Lebensraumtyp 91F0 mit hervorragendem (A), guten (B) und schlechtem (C) Erhaltungszustand, sowie zwei Flächen ohne kartiertem LRT (davon ein Pappelwald) ausgewählt.

Flächendeckender Bestand des Geophyten Bärlauch (Allium ursinum)
Flächendeckender Bestand des Geophyten Bärlauch (Allium ursinum)

Im April 2018 habe ich eine Bestandserfassung von 12 Frühjahrsgeophyten durchgeführt. Die ausgewählten Flächen wurden einmalig abgelaufen und das Arteninventar sowie die Häufigkeitsstufen der einzelnen Arten erfasst.

Zusätzlich wurden auf allen fünf ausgewählten Flächen im Sommer 2018 jeweils drei Vegetationsaufnahmen (insgesamt 15 Aufnahmen) durchgeführt. Die Deckungen der Arten in der Baum-, Strauch- und Krautschicht wurden mithilfe der Londo-Skala geschätzt. Außerdem habe ich von jeder Aufnahmefläche eine nach Norden ausgerichtete Baumskizze angefertigt und den Brusthöhendurchmesser vonjedem Baum in einer Höhe von 1,30 m bestimmt.

Die Geophytenbestände haben sich im Zeitraum von 2010 bis 2018 insgesamt verdichtet und ausgebreitet. Dabei zeigt sich, dass der Prozessschutz keinen negativen Einfluss auf die Geophytenflora hat, da sich die Bestände der meisten untersuchten Geophytenarten ausgebreitet oder verdichtet haben. Die durch die Aufgabe der Bewirtschaftung bedingten Veränderungen in der Deckung der Baumschicht (Zunahme der Beschattung) haben keinen negativen Effekt auf die Bestände der Frühjahrsgeophyten, da deren Entwicklung bereits abgeschlossen ist bevor sich das Laubdach schließt (Hellmold & Schmidt 1989). Auch das Vorkommen von Neophyten wie der Riesen-Goldrute in einigen Bereichen des Untersuchungsgebiets hat keinen negativen Einfluss auf die untersuchten Geophyten, da diese sich im Sommer in ihre unterirdischen Speicherorgane zurückziehen und zur Blütezeit der Riesen-Goldrute im August bis September (Jäger 2011) ihre Entwicklung schon abgeschlossen ist.

Ein anderer Aspekt des Prozessschutzes ist das Ausbleiben der mechanischen Schädigungen sowie die lokale Zerstörung der Bodenflora durch die Forstwirtschaft. Dies könnte zur Ausbreitung der Geophytenbestände beigetragen haben.

Das Vorkommen der Geophytenarten hängt außerdem von der Höhenlage ab. Es wurde eindeutig festgestellt werden, dass Scharbockskraut tiefer gelegene Bereiche mit feuchteren Böden bevorzugt, während die Einbeere diese Bereiche eher meidet.

Geophyt Maiglöckchen (Convallaria majalis)
Geophyt Maiglöckchen (Convallaria majalis)

Ein weiteres Ergebnis meiner Untersuchungen ist, dass sich die fünf untersuchten Flächen nicht in ihrer Deckung von Keimlingen und Jungpflanzen der Stieleiche in der Krautschicht unterscheiden. In den naturfernen Flächen (kein LRT, LRT 91F0 EHZ C) kommen Keimlinge und Jungpflanzen der Stieleiche nicht häufiger vor als in den naturnäheren Flächen (LRT 91F0 EHZ A, B). Es wurde angenommen, dass die naturferneren Flächen, die in der Vergangenheit stärker durchforstet wurden, ein lichteres Kronendach aufweisen und somit mehr Licht am Waldboden ankommt. Doch die Deckung der Baumschicht in den untersuchten Vegetationsaufnahmen war fast immer sehr hoch. Die Stieleiche war insgesamt bei den Vegetationsaufnahmen sowohl in der Baumschicht als auch in der Strauch- und Krautschicht nur mit geringer Dichte vertreten, obwohl die Art typisch für die Hartholzaue ist. Viele Tierarten nutzen die Art als Lebensraum oder sind sogar auf die Art angewiesen wie zum Beispiel die Bechsteinfledermaus (Dietz & Pir 2009) oder der seltene Mittelspecht (COLDITZ 1994). Es ist daher besonders tragisch, wenn die Stieleiche dann in der Etablierungsphase fehlt. Die Autoren Reif et al. (2016) fanden heraus, dass die Art Substratdynamik nach Hochwasserereignissen und die natürliche Auensukzession braucht. Doch der Mensch hat in die natürlichen Prozesse eingegriffen wie zum Beispiel bei der Rheinkorrektur. Eine natürliche Auensukzession ist somit heute nicht mehr möglich. Der Mensch muss also eingreifend tätig werden und die Stieleiche fördern. Diese Auffassung vertritt auch die Stadt Speyer. So sind, trotz Prozessschutz, zur Wiederherstellung einer natürlichen Hartholzaue Maßnahmen der Hege und Pflege im südlichen Speyerer Auwald erlaubt. Es wurden daher in naturfernen Bereichen 30 „Klumpen“ bestehend aus 25 Jungpflanzen der Stieleiche gepflanzt.

Geophyt Vielblütige Weißwurz (Polygonatum multiflorum)
Geophyt Vielblütige Weißwurz (Polygonatum multiflorum)

Empfehlungen für Untersuchungen im zukünftigen Monitoring

Die Kartierung der Frühjahrsgeophyten, der Auenamphibien und der Vögel sollten periodisch mindestens alle acht, die Vegetationsaufnahmen alle zehn Jahre wiederholt werden. Es wird weiterhin vorgeschlagen, die Ermittlung der Totholzqualität nach der Methode von Lorenz (2005) alle zehn bis 15 Jahre durchzuführen. Ggf. können zusätzlich Pilze und Fledermäuse untersucht werden, da beide Gruppen als Indikatoren für naturnahe Wälder gelten.

Für die Auswertung der Vegetation habe ich Zielarten ausgewählt. Beim nächsten Durchgang der Kartierung in 10 Jahren (2028) muss bei der Auswertung folgenden Fragen nachgegangen werden: Wurden die ausgewählten Zielarten in den Vegetationsaufnahmen erfasst? Welche Deckungen weißen sie auf? Wie haben sich die mittleren Deckungen der Zielarten pro ausgewählter Fläche entwickelt? Sind die Deckungen angestiegen, gleichgeblieben oder zurückgegangen?

Quellen

Colditz, G. (1994): Auen, Moore, Feuchtwiesen. Gefährdung und Schutz von Feuchtgebieten. Birkhäuser Verlag. Basel-Boston-Berlin.

Dietz, M. und Pir, J. B. (2009): Distribution and habitat selection of Myotis bechsteinii in Luxembourg: implications for forest management and conservation. Folia. Zool. 58 (3), 327 – 340.

Hellmold, C., Schmidt, W. (1989): Energiegehalt und Energiebilanz der Krautschicht. Verh. Ges. Ökol. 17, 177-188.

Jäger, E. J. (2011): Exkursionsflora von Deutschland. Gefäßpflanzen: Grundband. 20. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag. Heidelberg.

Lorenz, J. (2005): Schnellmethode der Totholz-Strukturkartierung. Eine Methode zur Bewertung von Waldbeständen in FFH-Gebieten und Naturwaldreservaten. Naturschutz und Landschaftsplanung 37, (11), 342-349.

Oberdorfer, E. (1992): Süddeutsche Pflanzengesellschaften. Teil IV : Wälder und Gebüsche. B. Tabellenband. 2. Stark bearbeitete Auflage. Freiburg i. Br.

Reif, A., Baumgärtel, R., Dister, E., Schneider, E. (2016): Zur Natürlichkeit der Stiel-Eiche (Quercus robur L.) in Flussauen Mitteleuropas – eine Fallstudie aus dem Naturschutzgebiet „Kühkopf-Knoblochsaue“ am hessischen Oberrhein. Waldökologie, Landschaftsforschung und Naturschutz 15, 69-92.


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