Stolpersteine für Familie Mühlhauser in der Schraudolphstraße 26, © Klaus Venus

Den Opfern einen Namen geben

Stolpersteine für Familie Mühlhauser in der Schraudolphstraße 26, © Klaus Venus

Am 11. Mai 2018 hat Speyer mit der Verlegung der ersten Stolpersteine ein weiteres Kapitel in der Erinnerungskultur geöffnet. Jeder Stolperstein gibt den Opfern einen Namen und ist äußeres Zeichen und Bekenntnis, dass wir an einer Gesellschaft ohne Antisemitismus und ohne Rassismus arbeiten möchten, an einer Gesellschaft, die von Toleranz und Humanität geprägt ist.

 


Gedenkarbeit in Speyer

OB Hansjörg Eger begrüßt die Gäste im Historischen Ratssaal, Foto © Klaus VenusSeit Jahrzehnten bemühen wir uns in Speyer um würdige Formen des Erinnerns an die Gräuel des Nationalsozialismus. Zunächst ist Anfang der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts die Bestandserhaltung und architektonische Aufwertung des Gesamtareals des Speyerer Judenhofs in den Vordergrund der bau- und kulturhistorischen Bemühungen der Stadt Speyer gerückt. Und 2010 wurde das Areal durch das Museum SchPIRA erweitert. Neben dem baulichen Engagement lädt alljährlich am 9. November die DGB-Ortsgruppe Speyer zum Gedenkstein am Standort der gebrandschatzten Speyerer Synagoge am Kaufhof ein. Jahr für Jahr am 27. Januar, dem internationalen Holocaust-Gedenktag, eröffnen wir das Veranstaltungsprogramm „Erinnern-Gedenken-Mahnen“ -zunächst in der Heiliggeistkirche, mittlerweile im jüdischen Kulturzentrum.

Der Standortwechsel für die Gedenkfeier wurde durch die Einweihung der neuen Synagoge „Beith Schalom“ möglich. Das jüdische Gotteshaus am Weidenberg ist das eindrücklichste äußere Zeichen der Versöhnung und des Neubeginns jüdischen Lebens in unserer Stadt. In demütiger Dankbarkeit durften wir zur Einweihung am 9. November 2011 unter den Gästen den ehemaligen jüdischen Mitbürger Jack Mayer aus den USA in seiner Heimatstadt Speyer willkommen heißen. Zusammen mit seinen Enkelkindern wird er am 1. Juni erneut bei uns Gast sein. Jack Mayer war 1938 mit seiner Mutter und seinem älteren Bruder vor der immer vehementer werdenden Judenverfolgung in die USA geflohen. Der 9. November 2011 wird in die Annalen sowohl der Stadt Speyer als auch der Jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz, deren Geschäftsführerin Frau Nikiforova ich an dieser Stelle herzlich begrüßen darf, eingehen.

Stolpersteine

Stolpersteine Gunter Demnig, Foto © Klaus Venus.jpgHeute, am 11. Mai 2018 öffnen wir mit der Verlegung der ersten Stolpersteine ein weiteres Kapitel in der Erinnerungskultur unserer Heimatstadt Speyer. Jeder Stolperstein gibt den Opfern einen Namen und ist äußeres Zeichen und Bekenntnis, dass wir an einer Gesellschaft ohne Antisemitismus und ohne Rassismus arbeiten möchten, an einer Gesellschaft, die von Toleranz und Humanität geprägt ist.
Dass wir zu diesem Anlass Nachkommen der Familie Mühlhauser in Speyer begrüßen dürfen, erfüllt uns mit Dankbarkeit und Freude. So darf ich namens des Rates und der Bürgerschaft der Stadt Speyer das Ehepaar Yoram und Ofra Millo aus Jerusalem mit ihren beiden Söhnen und ihren Enkelkindern sowie Yorams Cousine Beate Martin mit ihrer Tochter aus Brieselang bei Berlin herzlich willkommen heißen. Meine Damen und Herren, Yoram Millo ist nicht zum ersten Mal in der Geburtsstadt seiner Vorfahren. Im letzten Sommer durfte ich das Ehepaar Millo im Speyerer Stadthaus begrüßen, anlässlich der Übergabe von vier Glaspokalen aus dem einstigen Familienbesitz der seinerzeit angesehen Speyerer Familie Dreyfuss. Dank der Schenkung des Verkehrsvereins leuchten die goldenen Initialen „SD“ für Sigmund Dreyfuss am rechtmäßigen Ort in Jerusalem. Yoram Millos Großvater, Albert Mühlhauser, heiratet 1908 Marie Dreyfuss, die Tochter des Speyerer Textilfabrikanten Sigmund Dreyfuss, ein angesehener Speyerer Bürger, der wie sein Vater Aufsichtsratsmitglied der Speyerer Volksbank war. Näheres über die Einzelschicksale der Mühlhausers werden wir später bei der Verlegung der Stolpersteine hören.
Als Nachkommen von Familie Schultheis darf ich Ewald Matuszewski mit seiner Frau und seiner Tochter herzlich begrüßen. Herr Matuszewski ist der Enkel von Jakob und Emma Schultheis und der Sohn von Stanislaus und Emma Matuszewski. Seine mittlerweile verstorbene Schwester Ursula wurde in Haft geboren, weshalb für Sie auch ein Stolperstein verlegt wird. Ursulas Tochter Sabine Benz darf ich mit ihrem Mann Andreas und ihrer Tochter willkommen heißen.

Künstler, Initiatorinnen und Spendenbereitschaft

Jutta Hornung von der Initiative Stolpersteioen für Speyer legt eine Nelke nieder, Foto © Klaus Venus.Namentlich begrüßen darf ich auch den Künstler Gunter Demning, der geistige Vater dieser Form des Erinnerns, der in unserer Stadt heute die ersten 16 Stolpersteine verlegen wird. Dank der Spendenbereitschaft werden noch viele folgen. Ihnen allen, den Spenderinnen und Spendern, gilt unser herzlicher Dank. Die Stolpersteine sollen uns erinnern, wie kostbar Friede, Respekt und Menschenrechte sind und wie unendlich grausam und teuer sie erkauft wurden.
Ich danke den Initiatorinnen der Aktion Stolpersteine sehr herzlich für ihr großes Engagement für einen weiteren Beitrag der Erinnerungskultur in unserer Stadt. Unbeirrt und mit langem Atem haben Sabrina Albers, Cornelia Benz, Katrin Hopstock, Jutta Hornung, Ingrid Kolbinger und Kerstin Scholl ihr Ziel verfolgt, die Initiative Stolpersteine für und in Speyer zum Erfolg zu führen. Ich meine, wir sollten unseren aufrichtigen Dank an dieser Stelle mit einem herzlichen Applaus bekräftigen.

Verlegung und Gedenken

Archivarin Kartin Hopstock erinnert an die Zeit des Nationalsozialismus, Foto © Klaus VenusEin herzliches Wort des Dankes möchte ich auch an die Schülerinnen des Edith-Stein-Gymnasiums adressieren, die später bei der Verlegung in der Schraudolphstraße 26 und 31 an die jüdischen Familien Mühlhauser und Grünberg erinnern werden und Im Lenhart 35 die Erinnerung an Familie Schultheis wach halten, die als Gründer der Widerstandsgruppe "Speyerer Kameradschaft" zur Opfergruppe der politisch Verfolgten zählt. Es war der Initiative und den politischen Gremien ein Anliegen zum Aktionsauftakt biografische Schicksale von Verfolgten des NS-Staats und ebenso von Widerstandskämpfern gegen das NS-Regime auszuwählen. Die Schülerinnen des Edith-Stein-Gymnasiums engagieren sich neben der Mitgestaltung des heutigen Tages auch als Paten für einen Stolperstein.

Yoram und Uri Millo beten das Kaddish für ihre Vorfahren, Foto © Klaus VenusÜber die Aktion hinaus zählen diese Gymnasiastinnen neben den Edith-Stein Realschülerinnen sowie den Jugendlichen des Nikolaus-von –Weis-Gymnasiums und des Hans-Purrmann-Gymnasiums zu unseren verlässlichen Partnern bei der Gestaltung der Gedenkfeier am 27. Januar, bei der sie in diesem Jahr u.a. an das Schicksal von Familie Schultheis erinnert haben. Persönliche Zeugnisse wie diese verdeutlichen den Nachfolgegenerationen, was dieser historische Ausnahmezustand im Nazi-Deutschland für Verfolgte, Bedrohte und Entrechtete bedeutet hat. Wir erfahren von sukzessiver Entrechtung im Alltag, von Zumutungen, Demütigungen und Denunziationen. Und wir erfahren von einer deprimierenden politischen Szenerie, auf die selbst die deutsche Intelligenz mit Ohnmacht und Beklemmung starrte, während nach und nach die Köpfe des politischen Widerstandes entweder inhaftiert oder ins Exil getrieben wurden. Wir, die Nachgeborenen, wissen um den fatalen, ja, verheerenden Ausgang, den die Ermächtigung des Nationalsozialismus genommen hat.
Sbrina Albers von der Initiative Stolpersteine für Speyer lebt eine Nelke nieder, Foto © Klaus VenusDie Erinnerungsarbeit soll uns Mahnung sein und unser Titel „Stadt ohne Rassismus - Stadt mit Courage“ Auftrag sein, für menschliches Handeln einzutreten und zu werben. Es gibt in unseren Tagen auch in unserer Stadtgesellschaft wieder Menschen, die Ängste Schüren und Hass und Zwietracht säen. Stellen wir uns jeder Art von Ausgrenzung und Gewalt entgegen. Stehen wir mutig auf und machen den Mund auf, wo Hass gesät wird.
Selbst Judenfeindlichkeit greift in Deutschland wieder um sich. Diese Woche hat das Bundesinnenministerium in Berlin die Kriminalstatistik 2017 vorgelegt, wonach sich die Anzahl der antisemitischen Straftaten auf 1504 erhöht hat. Ferner sprach der Innenminister von Anhaltspunkten, dass viele Opfer die Taten nicht anzeigen und dass die angezeigten Delikte „zu annähernd 95 Prozent“ vom rechten Spektrum verübt wurden. Beschämende Nachrichten für unser Land und Belege dafür, wie wichtig und richtig es ist, unserer Erinnerungskultur gerecht zu werden.
Machen wir uns stark, für den Fortbestand eines friedlichen Miteinanders in unserer Stadt. Mit der Verlegung der Stolpersteine setzen wir diese, unsere Bemühungen fort.

 
 
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