Gedenkveranstaltung Novemberprogrome 1938

Am 9. November wurde - wie vielerorts - auch in Speyer der Reichsprogromnacht von 1938 gedacht. Oberbürgermeister Eger nahm an einem Schweigemarsch über die Maximilianstraße teil und hielt anschließend am Gedenkstein der ehemaligen Speyerer Synagoge eine Rede.

 

Sehr geehrter Herr Eppstein,
sehr geehrte Frau Nikiforova,
sehr geehrter Herr Stein,
sehr geehrter Herr Elfert,

liebe Kolleginnen und Kollegen des Speyerer Stadtrates,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

zunächst möchte ich allen hier Anwesenden danken, die der Einladung des DGB nachgekommen sind und sich hier zur Mahnung und Erinnerung versammelt haben. Mein Dank gilt auch Herrn Rüdiger Stein, dem Geschäftsführer des DGB Vorder- und Südpfalz, sowie Herrn Axel Elfert, dem Vorsitzenden des Speyerer DGB-Stadtverbands, für die Organisation und die Ausrichtung dieser Gedenkveranstaltung.

Der 9. November, meine Damen und Herren, gilt als „Schicksalstag“ der Deutschen – bedeutsame Ereignisse der deutschen Geschichte fallen auf dieses Datum; etwa die Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann 1918, der dabei eigenmächtig die Abdankung des Kaisers verkündete und somit auch das Ende des wilhelminischen Militarismus‘ einleitete.
Auch der Fall der Berliner Mauer 1989 erfolgte an jenem Datum – die Bilder hiervon sind in unser kollektives Gedächtnis eingegangen.

Doch neben diese Sternstunden für Frieden und Freiheit in Deutschland versinnbildlicht der 9. November auch die dunkelsten Jahre Deutschlands.
Die Reichspogromnacht 1938, vor 78 Jahren, bedeutete einen Wendepunkt in der Geschichte des Antisemitismus‘ im nationalsozialistischen Deutschland; den Übergang von der Diskriminierung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger hin zu deren Verfolgung.

Bis dahin waren Jüdinnen und Juden durch Gesetze und Regelungen in ihren Freiheiten und Rechten beschnitten worden, mit dem Ziel, sie aus der Gesellschaft auszugrenzen. In dieser deutschlandweiten, staatlich protegierten Aktion gegen jüdische Bürgerinnen und Bürger, gegen ihre Gotteshäuser, gegen ihre Geschäfte, brach sich jedoch der Hass Bahn, begleitend unterstützt durch eine aus heutiger Sicht schier unfassbare Passivität weiter Teile der Bevölkerung, die zusah, wie Unrecht geschah – und nicht eingriff, um es zu beenden, sondern es vielmehr geschehen ließ, es sogar guthieß.

91 Menschen wurden unmittelbar in dieser Nacht ermordet, in den Tagen und Wochen danach starben viele weitere an den Folgen der schweren körperlichen Misshandlungen oder nahmen sich in ihrer Verzweiflung das Leben – die Forschung schätzt die Zahl der Todesopfer auf mindestens 400.
7.500 Geschäfte wurden zerstört und 1.200 Gebetshäuser und Synagogen niedergebrannt, darunter auch die Speyerer.

Nach den abscheulichen Geschehnissen dieser Nacht konnte kein Zweifel mehr bestehen, dass Jüdinnen und Juden in Deutschland um Leib und Leben fürchten mussten.
Bis zu Beginn des Krieges, knapp zehn Monate später, wanderten 200.000 jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger aus Deutschland aus und versuchten sich so vor weiterem nationalsozialistischem Terror in Sicherheit zu bringen.

Der noch tiefer gehenden Entrechtung der jüdischen Bevölkerung waren Tür und Tor geöffnet, entsprechend verschärfte sich die antijüdische Gesetzgebung in der Folge. Historiker sprechen vom „bürgerlichen Tod“, der – wenn die Emigration nicht gelang – im tatsächlichen, im physischen Tod mündete: Die Shoa nahm in den Novemberpogromen 1938 ihren Anfang.

In Speyer existiert heute, anders als in vielen Gemeinden Deutschlands, wieder ein prosperierendes jüdisches Gemeindeleben, das seit ein paar Jahren auch seinen architektonischen Widerhall im Stadtbild findet. Doch die Narben sind geblieben.
In drei Wochen, am 30. November wird im jüdischen Gemeindezentrum am Weidenberg die Ausstellung „Jüdisches Speyer im Druck“ eröffnet, die uns veranschaulichen wird, wie groß der Verlust an Kultur und Esprit für die Speyerer Gesellschaft war, welche Vielfalt und Weltoffenheit verloren ging – oder treffender: zerstört wurde.

Zudem wollen wir uns demnächst im Stadtrat erneut mit der Installation der sogenannten „Stolpersteine“ befassen. Diese Steine erinnern an ehemalige jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger, die ihre Heimat verlassen mussten oder gar ermordet wurden und können einen weiteren wichtigen Beitrag zur Erinnerungskultur in Speyer leisten.
Denn wir tun gut daran, alles dafür zu tun, dass sich ein solches Unrecht, eine solche Katastrophe nicht wiederholt.

Umso mehr, als wir gegenwärtig den Eindruck gewinnen können, in hochgradig populistischen Zeiten zu leben.
Diesem Populismus, der mit nationalistischem und rassistischem Gedankengut versetzt ist gilt es, etwas entgegenzusetzen.

Bedauerlich ist, dass nun auch in den USA ein Bewerber gewählt wurde, der offen mit populistischen, demagogischen und rassistischen Auftritten für sich und seine nationalistischen Ideen geworben hat. Nun passiv zu hoffen, dass es schon nicht so schlimm kommen werde, wie angekündigt, darf nicht der Weisheit letzter Schluss sein.
Das demokratische Ergebnis ist zu respektieren, die Zusammenarbeit auf der Grundlage unserer humanistischen Werte zur Gleichheit aller Menschen, unabhängig von Geschlecht, Rasse, Nationalität und den Werten eines demokratischen Rechtsstaates muss angeboten werden. Unsere Werte dürfen wir aber auch nicht zur Disposition stellen.

Vor knapp einem Jahr wurden die Bemühungen weiter Teile der Speyerer Gesellschaft gegen Rassismus und Diskriminierung, für Toleranz und Zivilcourage mit der Auszeichnung „Stadt ohne Rassismus – Stadt mit Courage“ gewürdigt. Ich habe damals, wie auch alle anderen Beteiligten, betont, dass dieser Titel für uns in erster Linie Ansporn ist, diesen Weg weiterzugehen. Und daher freue ich mich sehr über die Mitteilung, die ich vor wenigen Tagen erhalten habe; dass nämlich das – fortgesetzte –  Engagement der Steuerungsgruppe auch mit dem Deutschen Bürgerpreis 2016 prämiert werden wird.
Das ist ein großartiges, ein ermutigendes Zeichen für alle, die sich bei dem Projekt engagieren oder sich in anderer Weise gegen Rassismus und Intoleranz stark machen.
Wir freuen uns, dass das Projekt nun auch national bekannter wird und erhoffen uns, dadurch zum Vorbild für weitere Städte und Gemeinden zu werden, die Gesellschaft in ähnlicher Art und Weise zu mobilisieren.

Positiv verliefen auch die Gespräche mit meinem Amtskollegen Zvi Gov-Ari, dem Bürgermeister unserer israelischen Partnerstadt Yavne, in der ich Ende Oktober zu Besuch weilte: So wollen wir den Austausch zwischen Schülerinnen und Schülern unserer Städte nach Kräften fördern und den Jugendlichen somit die Möglichkeit des gegenseitigen Kennenlernens geben. Wir betrachten dies als Schlüssel zum gegenseitigen Verständnis und als eines der besten Mittel im Kampf gegen Vorurteile und damit als grundlegende Voraussetzung dafür, dass sich die furchtbaren Ereignisse des 09. November 1938 nicht wiederholen werden.

Denn sicher ist leider auch: Ohne aktives Handeln sind wir vor derartigen Entwicklungen und Tendenzen nicht gefeit. Daher appelliere ich an Sie, auch in Zukunft Zeichen zusetzen für ein weltoffenes, ein tolerantes Speyer, in dem Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus keine Chance haben und von der Gesellschaft unserer Stadt nicht hingenommen werden.