Schwarzamsel

Längst ist das „Amselnest“ im Schatten des Altpörtels zur Speyerer Institution geworden. Die Traditionsweinstube genießt aber auch einen Deutschland-weiten Ruf, weil die Studenten und Lehrkräfte der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften ebenfalls den impetus gaudere – die Genussfreude – schätzen und gerne am Riesling nippen

 

Scheues Reh trifft Keilerkopf

Stammtisch in der Schwaramsel, © Klaus LandryAmseln sind begabte Singvögel: Sie lernen ihre Melodien von den Artgenossen, kontern den Gesang des Nachbarn mit ähnlichen Tonfolgen und schrauben die musikalische Rivalität in ungeahnte Höhen. Ganz ähnlich agieren jene fröhlichen Menschen, die sich am Abend am Jägerstammtisch der traditionsreichen Weinstube „Schwarzamsel“ einfinden, um bei einem guten Glas Wein und dem Genuss von Pfälzer Deftigkeiten den Lauf der Weltendinge zu besprechen.

Die gemütliche Schenke in der Korngasse zeigt jägerlich-rustikales Ambiente. Schließlich wird den Amseln nachgesagt, dass sie in freier Natur mit ihrem Ruf auf Hasen, Füchse und andere Wildtiere reagieren, woran sich Jäger gerne orientieren. Das zumindest könnte die vielen Jagdtrophäen erklären, welche die Wände der urigen Weinstube zieren. Parkettboden, dunkle Holzvertäfelungen, Sprossenfenster, ein weißes Reh im Glaskasten über der Tür und der massive Wildschweinschädel an der Wand schaffen den waidmännischen Rahmen für den Verzehr von Pfälzer Leibgerichten, die man mit reichlich Riesling runterspült.

Unter Hirschgeweihen am Kachelofen sitzen

Es ist schon ein ganz besonderes Gefühl an kühlen Herbst- und Winterabenden unter Hirschgeweihen am wärmenden Kachelofen zu sitzen und mit anderen Gästen über die Schönheit der Pfalz und die Abgründe der Welt zu räsonieren. Scheues Reh trifft Keilerkopf. Die massiven Holztische geben Halt, der Wein lockert die Zunge und man fühlt sich in der Weinstube schnell geborgen. Dafür sorgen am Tresen und in der Küche Helga Schneider und Gerd Gronau, von denen die Schwarzamsel seit September 2008 aufmerksam geführt wird.

In der mehr als 100 Jahre alten Weinstube werden sich Riesling-Freunde schnell heimisch fühlen. Denn egal, ob Saumagen, Leberknödel oder „Fleeschknepp“ mit Meerettich - zu diesen Speisen passen am besten halbtrockene und trockene Pfälzer Weine. Selbst wenn hier ein 59er „Château Margaux“ offeriert würde, sobald das Pfälzer Rumpsteak mit Zwiebel und Bratkartoffel auf dem Teller dampfte, würde man dankend ablehnen, ganz einfach, weil einem schon das Wasser im Munde zusammenliefe vor lauter Vorfreude auf den kühlen Riesling der Region.

Éin ausgestopfter Keilerkopf an der Wand, © Klaus LandryManche nennen ihn auch „Reparaturwein“, denn der knackige, säurebetonte Riesling „stöpselt“ die – gelinde ausgedrückt – nahrhaften Speisen runter und macht den Weg frei für weitere Genüsse, so eine der Rieslingweisheiten von Weinkenner Thomas Vaterlaus. „Das ist wie beim Fenster in der Küche. Da setzt sich beim Kochen das Fett fest, aber wenn Du mit einem alkoholgetränkten Lappen über die Scheibe fährst, ist sie flugs wieder glasklar,“ schreibt er in seinem Traktat über Wurst und Wein. Genau deshalb ist in einer echten Pfälzer Weinstube der beste Wein der Welt immer ein trockener Riesling oder Kabinett. Ermutigend dabei ist, dass all die wunderbaren Tropfen, vom „Ruppertsberger Reiterpfad“ bis hin zum „Wachenheimer Fuchsmantel“, preislich sehr erschwinglich sind. „Drum, Gerd, bring noch ä Viertel!“

Die Genussfreude pflegen

Längst ist das „Amselnest“ im Schatten des Altpörtels zur Speyerer Institution geworden. Die Traditionsweinstube genießt aber auch einen Deutschland-weiten Ruf, weil die Studenten und Lehrkräfte der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften ebenfalls den impetus gaudere – die Genussfreude – schätzen und gerne am Riesling nippen. Und noch etwas macht die „Schwarzamsel“ zu einem außergewöhnlichen Ort: Als vermutlich erste Weinstube der Region ist sie 2004, nach dem Tod des früheren Besitzers Edwin Zwick, zur Stiftung erhoben worden. Ein Großteil der Einkünfte aus Gaststättenbetrieb und Vermietung der angeschlossenen Wohnungen kommt krebskranken und behinderten Kindern aus Speyer zugute. Da fällt es nicht schwer, bei Gerd eine weitere Runde zu bestellen.

„Wenn jemand in eine Weinstube geht, soll er seine Sorgen vergessen, nette Stunden verleben und Kraft tanken für den nächsten Tag.“ Soweit die Philosophie der urgemütlichen Jägerstube. Der Samstags-Stammtisch der Schwarzamsel hat seinen regelmäßigen Tafelrunden ein eigenes Motto hinzugefügt: „Carpe Diem Noctemque“, genieße den Tag … und die Nacht!

Matthias Nowack

www.weinstube-schwarzamsel.de