Die Theke des Flaming Star, © Matthias Nowack

Flaming Star

Die Theke im Flaming Star, © Matthias Nowack
Wer den Rock´n´Roll liebt, der sollte den Weg zum Neuen Rheinhafen nicht scheuen. Er wird dort eine Bestätigung dafür finden, dass Anfang der 50er Jahre mit den Rockabillys und mit Elvis, all das erfunden wurde, was unsere Popkultur heute ausmacht.
 

Der Rock´n´Roll lebt am Neuen Hafen

 Schon mal einen Hot Dog „Kiss me quick“ verspeist, ein „Graceland“ - Sandwich gegessen oder einen „Now or Never“- Wrap getestet? Wenn Sie diese kulinarischen Kreationen aus der Küche des Rock´n´Roll nicht kennen, dann wird es Zeit für einen Abend im Musicclub und Restaurant Flaming Star, in dem sämtliche Snacks und Speisen nach Elvis-Songs benannt sind. Mehr noch: Eine ganze Wand mit Plakaten und Erinnerungsstücken ist dem „King of Rock’n’Roll“ gewidmet. Wie ein flammender Stern blitzt eine übergroße Elvis-Figur vom Tresen in den Gastraum der originellen Musikkneipe.

Der Club ist Teil des Musikkulturzentrums „Halle 101“, das seit Mitte der 90er Jahre vom Rockmusikerverein Speyer e.V. getragen wird. Mit viel Eigenleistung haben die Mitglieder des Vereins ein altes Fabrikgelände in eine gut ausgestattete Konzerthalle verwandelt. Im angeschlossenen Flaming Star haben sich Frank Dickau und Karin Süss einen Lebenstraum verwirklicht: Unter einem tonnenartigen Dach aus gewellten Blechen haben sie mit viel Liebe zum Detail einen Musikclub im Stil der 70er Jahre geschaffen. Originell auch die großformatigen Acryl-Malereien von Rabea Riedmann an den Wänden des Flaming Star.

Legendär sind die Auftritte der Hausband

Junge Leute beim Tanzen im Flaming Star, © Flaming StarFür Dickau und seine Lebensgefährtin sind Musik und Biographie von Elvis immer wieder Inspiration. Seiner musikalischen Kreativität und seiner Gier nach dem Leben sind sie auch mit dem Konzertprogramm für den Club auf der Spur: Coverbands der großen Rock´n´Roll Heroen, von Bill Haley bis Chuck Berry gehören deshalb zum festen Musik-Angebot des Clubs. Schnörkelloser Rock, Country-Abende und Heavy Metal haben am Neuen Rheinhafen ebenfalls ihren Platz. „Am spannendsten wird es“, so Dickau, „wenn sich aus einem Konzertabend oder einer Party in der Kneipe spontan eine Session, etwas Positives entwickelt.“ Legendär sind die Auftritte der eigenen Hausband, des Flaming-Star-Orchesters. Neuerdings gewinnen auch wieder jeden ersten Samstag im Monat „Dine & Dance“ Partys in der angrenzenden Halle 101 mächtig an Zulauf: DJ´s, Disco-Music und der Glitter der 70er Jahre sind noch lange nicht tot genudelt.

Das Hauptinteresse Dickaus gilt jedoch anderen Stilrichtungen des Rock´n´Roll: Mit Rockabilly- und Psychobilly-Konzerten hat er den Musikclub zu so etwas wie einem deutschen Zentrum der einschlägigen Szene gemacht. Besucher aus Deutschland, ganz Europa, USA und Japan strömen an Festival-Wochenenden in die benachbarte Halle 101.

Die Rock ´n´ Roller von heute lieben es schräg

Sie wissen nicht, was Rockabillys sind? Das sind jene Leute, die ihre Tollen mit Tonnen von Haarspray fixieren, in den 50ern hängen geblieben sind und einen Modefimmel haben. Von der Musik her betrachtet (nach Daniel Krauser) „in etwa das, was die früheren Rock´n´Roll Heroen wie Elvis oder Buddy Holly von der Bühne donnerten, als sie noch jung, erdig und einigermaßen zynisch, mit anderen Worten, gut waren. Einsame Gitarre, Kontrabass, Minimalschlagzeug, hinterwäldlerisches Country-Schluchzen zu schwarzer Rhythmik, das Ganze erfrischend unsensibel.“

Psychobilly ist noch eine Gangart härter und kann am besten als Mischung aus Punk und Rock´n´Roll beschrieben werden: Ein peitschender Standbass, dreckige Gitarren und ein marschierendes Schlagzeug, was sich im besten Fall so anhört, als ob Elvis seine Seele verkauft hätte, um mal so richtig finster zu klingen. Schwarze Lederklamotten, Särge, Tätowierungen, schicke Autos und standfeste Frisuren gehören auch dazu: Die Rock ′n′ Roller von heute lieben es schräg und nutzen gelegentlich auch teuflische Symbole.

Ein Kontrabassist im Flaming Star, ©Flaming StarVon dieser ewig jungen Sehnsucht nach Rebellion und dem musikalischen Aufstand gegen die Langeweile ist an normalen Abenden im Flaming Star nur wenig zu spüren. Es läuft Musik von Elvis, von den Wänden grüßen kraftstrotzend Batman und Superman. Die gut gelaunten Gäste sitzen auf weißen Ledersesseln oder stehen am neonhellen Tresen bei einem Pils, in einer Ecke läuft der Fernseher mit dem Sport-Programm. Angenehm ist es hier, „Good Rockin´ Tonight“. Wie gesagt, Musikprogramm und Speisekarte sind originell, denn die Jungs und Mädels, die diesen Club am Laufen halten, würden ihre Seele verkaufen für den Rock´n´Roll. Essen gibt´s übrigens am Freitag und Samstag bis zwei Uhr nachts, bis drei Uhr ist der Club  geöffnet.

Wer den Rock´n´Roll liebt, der sollte den Weg zum Neuen Rheinhafen nicht scheuen. Er wird dort eine Bestätigung dafür finden, dass Anfang der 50er Jahre mit den Rockabillys und mit Elvis, lange vor den Beatles, all das erfunden wurde, was unsere Popkultur heute ausmacht.

Matthias Nowack