Folterwerkzeuge im Kerkerraum des Altpörtels, © Matthias Nowack

Erlebnisführung

Drei Stadtführer in historischer Tracht, © Matthias Nowack
Bei Dunkelheit auf den Stufen des Domes den Geschichten von Gaunern, Mördern und Dirnen zu lauschen, hat in Speyer einen ganz eigenen Reiz. Wer den Gang durch die mittelalterliche Kriminalgeschichte der Domstadt nicht scheut, der kann sich jeden 3. Freitag im Monat bei der Erlebnisführung „Gauner, Richter, Blutgericht“ ein wenig gruseln lassen.
 

Erlebnisführung mit schaurig–schönen Kriminalgeschichten

Ratsherren und Kirchenbruder in historischer Tracht, © Matthias NowackBei Dunkelheit auf den Stufen des Domes den Geschichten von Gaunern, Mördern und Dirnen zu lauschen, hat in Speyer einen ganz eigenen Reiz. Wer den Gang durch die mittelalterliche Kriminalgeschichte der Domstadt nicht scheut, der kann sich jeden 3. Freitag im Monat bei der Erlebnisführung „Gauner, Richter, Blutgericht“ ein wenig gruseln lassen. Mittelalterlich gewandete Ratsherren und ein Kirchen–Bruder werden die Erlebnishungrigen durch die engen Altstadtgassen führen und von der dunklen Seite der ehemals freien Reichsstadt berichten, von blutrünstigen Taten, Dieben und Kindsmörderinnen.

Der in Versform und Prosa vorgetragene „Gaunertrip“ beginnt am Domnapf, folgt dem lichtscheuen Gesindel auf verschlungenen Wegen und endet im mittelalterlichen Kerker des Altpörtels, der eigens für diesen Zweck mit alten Folterwerkzeugen neu ausgestattet wurde. Dazwischen liegen eine ganze Reihe von Stationen auf den Spuren von Ganoven, Dirnen und Mördern, die das mittelalterliche Speyer unsicher gemacht haben. Sämtliche Geschichten sind übrigens historisch verbürgt, wie die in der Stadtgeschichte bestens bewanderte Irmtrud Dorweiler versichert, von der die Tour entwickelt und betextet wurde.

Im Domgarten knistert´s

Stadtführer in historischer Tracht, © Matthias NowackMit spärlichen aber gezielt eingesetzten dramatur-gischen Mitteln, Sprachwitz und schaurig–schönen Geschichten unterhalten Moritz vom Eck, Werner von der Lau und Bruder Remigius ihr Publikum. Schon der kurze Weg durch den dunklen Domgarten schafft das notwendige Knistern und die richtige Atmosphäre für eine Erlebnisführung. Im flackernden Licht einiger mit Wachskerzen bestückter Laternen wird die romanische Kathedrale schnell zur bedrohlichen Steilwand aus Türmen, Bögen und Gesimsen. Vor dieser imposanten Kulisse lassen sich prächtige Schauergeschichten erzählen.

Am Heidentürmchen angekommen wird die Mär von der fahrenden Dirne Sybilla aus Nürnberg zum Besten gegeben. Wegen „liederlichem Verhalten“ wurde diese – eingenäht in einen Sack – am helllichten Tage in die Fluten des Rheins geworfen. Witzig dabei auch die pseudo–lateinischen Kommentare von Bruder Remigius: „Judicata est ad Rhenum zu sacke.“ Weiter geht´s über die Sonnenbrücke und durch die „Unterstadt“, den Hasenpfuhl, mit den Geschichten von Kindsmörderinnen und Betrügern im Gepäck, zum Fischmarkt und in das Gassengewirr des alten Speyer.

Besonderes Interesse beim geneigten Publikum weckt die Geschichte von den „Lästersteinen“, mit denen laut mittelalterlicher Ratsordnung Frauen behängt wurden, die aus der Rolle fielen, fluchten, oder ausschweifige Reden hielten. Sie mussten die Steine mit der Kette um den Hals vom Domnapf bis zum Altpörtel schleppen, unverschleiert und ohne Mantel, zum Gespött der Passanten. Wegen der vielen geschwätzigen Weiber in der Stadt soll zeitweise Mangel an Lästersteinen geherrscht haben.

Besuch im Kerker

Kerkerraum im historischen Turm, © Matthias NowackHöhepunkt und Abschluss des schaurig–schönen Kriminaltangos ist ein Besuch im Kerker des Altpörtels, den man durch eine schwere Eichentür im Torbogen betritt. Im schönsten Torturm der alten Stadtbefestigung war auch das größte Gefängnis der Stadt untergebracht, das von allen Kerkern in Speyer am längsten in Betrieb war (bis1831). Süffisant werden in diesem düsteren Loch neben einem Zeremonial–Schwert und den bereits zitierten „Lästersteinen“ eine ganze Reihe von Hinrichtungs– und Folterinstrumenten präsentiert. Die erst 2006 wieder hergerichtete Arrestzelle zeigt zwar nur noch einen kleinen Teil des ursprünglichen Kerkers, aber man kann sich dort wohlig gruseln lassen bei der Vorstellung, wie vor fünfhundert Jahren die Gefangenen gequält wurden und bei Wasser und Brot auf einem Strohsack vor sich hinschmachteten. Da kommt mir nur noch Goethe´s Faust in den Sinn, der in der Kerker–Szene, mit Schlüsselbund und Lampe bewaffnet, vor einer eisernen Tür schaudernd folgende Sätze spricht: „Mich fasst ein längst entwohnter Schauer, Der Menschheit ganzer Jammer ... fasst mich an, Hier … hinter dieser feuchten Mauer.“

Matthias Nowack