Alter Engel

Alter Engel, © Klaus Landry
Bei Philipp Rumpf kann man Gastlichkeit und zeitgemäße Pfälzer Küche im traditionsreichen Kellerlokal genießen. Hausmannskost in ihrer edlen Variante.
 

Hinab in den Himmel

Eine Engelsfigur im Gewölbe des Restaurants Alter Engel, © Klaus LandryEngel gibt es viele und wir alle wissen, wie sie aussehen: Sie haben Namen, Körper und Flügel, sie sind liebenswert, unsterblich und trotzdem keine Frauen. Auf alten Fresken fliegen sie hin und her, überbringen frohe Botschaften bei Raffael und Giotto und werden so immer wieder zum Inbegriff des Schützenden, Bewahrenden, Verkündenden, Stimmungsvollen, Erhabenen, Edlen und Schönen.

Alte Engel dagegen trifft man selten, auf geheimnisvolle Weise altern diese zauberhaften Wesen nie. Umso erstaunlicher ist es, dass es die Wirtschaft zum Alten Engel gibt, die nicht nur einen ungewöhnlichen Namen trägt, sondern den Gast mit dem Slogan „Hinab in den Himmel“ nach unten - sozusagen die Himmelsrichtung verkehrend -, in einen jahrhundertealten Keller entführt.

Geschmack und Originalität bestimmen das Interieur unter diesem über 200 Jahre alten Backsteingewölbe. Schon der erste Eindruck lädt zum Verweilen ein und verspricht gemütliche Stunden. Hier passt alles zusammen: ob umfunktionierte Kirchenbänke, Betstühle, altes Bauernmöbel oder nostalgische Holztische, im „Alten Engel“ werden Antiquitäten wieder zu Gebrauchsgegenständen. Historische Stadtansichten an den Wänden und Originalarbeiten von Speyerer Künstlern verweisen auf die Verankerung in der lokalen Kunsttradition.

Der pfälzischen Gaststättentradition verpflichtet

Die Kellerbar im Restaurant, © Klaus LandryÜberhaupt ist „Tradition“ ein wichtiges Wort für Gastronom Philipp Rumpf. Er meint damit nicht nur die eigene Familientradition, denn der Begründer des „Alten Engel“, Eberhard „Sux“ Rumpf, zählte zu den schillerndsten Figuren der Speyerer Gastroszene. Sohn Philipp fühlt sich nicht nur dem Vater, sondern auch der pfälzischen Gaststättentradition verpflichtet, die lange unter den ökonomischen Zwängen einer globalisierten Welt schrumpfen musste, in den letzten Jahren aber mit vielen regionaltypischen Angeboten wieder eine erkennbare Renaissance erlebt. „Sauerbraten vom Pferd“ oder „Steaks vom deutschen Weidelamm“ sind deshalb keine Exoten auf der Speisekarte des „Engels“. Hausmannskost in ihrer edlen Variante ist das Markenzeichen der beliebten Speyerer Weinwirtschaft; die Mitgliedschaft in der aus Italien kommenden „Slowfood“-Bewegung deshalb nur ein konsequenter Schritt.

Im „Alten Engel“ existiert jenes Fluidum, das wir mit Gastlichkeit bezeichnen. In Kirchen ist es das Sakrale, das kein noch so bunter Touristentrupp auszulöschen vermag. Im Gasthaus ist es der freundliche Service, der schnell zu erkennen gibt, dass es sich um einen Familienbetrieb handelt. Persönliche Kontakte zu den Gästen sind deshalb wichtiger Bestandteil des himmlischen Kellerprogrammes.

Weine aus der Südpfalz

Einige fröhliche Gäste im Alten Engel.Was die Weinkarte angeht, hat sich Philipp Rumpf getreu seiner Forderung nach regionalen Produkten vorzugsweise auf die Anbaugebiete in der Südpfalz verlegt. Rotweine aus dem Weingut Theo Minges in Flemlingen oder dem Weinhaus Möller in Hainfeld belegen den Qualitätssprung, den die Pfälzischen Winzer in den letzten Jahren für sich verbuchen konnten.

Beim Trinken dieser süffigen und durchaus erschwinglichen Tropfen kommt mir der ungarische Schriftsteller Bela Hamvas in den Sinn, der 1947 eine „Philosophie des Weins“ veröffentlicht hat. Dort ist zu lesen, dass jedem guten Wein ein kleiner Engel innewohnt,
der, wenn man den Wein trinkt, nicht stirbt, sondern zu den unzählbar vielen kleinen Engeln gelangt, die wir ohnehin in uns tragen. Wenn der Mensch trinkt, wird der eintreffende kleine Genius von den bereits anwesenden Engeln mit Gesang und einem Blumenregen empfangen. Ein schönes Bild! Jetzt wissen wir, wie der „Alte Engel“ in diesem gastlichen Keller jeden Abend die Menschen beflügelt. Und vielleicht kommt daher auch das Sprichwort, dass wir nach exzessivem Alkoholgenuss „die Engel im Himmel singen hören“.

Matthias Nowack