Zum Festtag gibt´s was ganz Besonderes
Früher, so der ZEIT-Redakteur Urs Willmann, hatte der Sonntag noch einen eigenen Geruch: Gegen zehn Uhr morgens schlich er durch die Ritzen des Hauses, durch Böden, Wände, Türspalten, und erreichte alle noch in ihren Betten vor sich hin dämmernden Schläfer. Er schlängelte sich in ihre Träume, und sobald in den Köpfen das Bewusstsein erwachte, blieb nur noch Platz für einen einzigen Gedanken: an den Sonntagsbraten. Mit dem verführerischen Geruch angebratenen Fleischs lockte die Köchin (oder der Koch) selbst verkaterte Seelen aus den Federn. Denn zwei Stunden später stand das edle Stück Rinderschulter gar auf dem Tisch und dampfte mit dem Kartoffelbreiberg um die Wette.
So wie sich früher die ganze Familie nach der Kirche um den leckeren Braten versammelte, so kann man künftig am Sonntag im Bistro-Restaurant Zweierlei an der großen Tafel das Sonntagsmahl zelebrieren. In der Tradition der Großfamilie stellt der Koch pünktlich um 12.30 Uhr ein besonderer Braten auf den Tisch: Die Suppe als Vorspeise und dann der Braten; natürlich mit einer leckeren Sauce, zweierlei Beilagen und Gemüse. Dieses vertraute und doch fast in Vergessenheit geratene Ritual macht den Sonntag im Zweierlei zu einer Zeitreise in Omas Küche.
Der Sonntagsbraten ist eine groß angelegte Sache, schließlich geht es um die am Stück gegarten großen Fleischteile, die oft mehrere Stunden im großen Topf vor sich hin schmoren.
Zur Premiere im Zweierlei servierten die Küchenchefs Florian Zäpernick und Bernhard Blang einen abgehangenen Hüftschmorbraten vom Glan-Rind. Dazu handegeschabte Spätzle und Serviettenknödel; vorab eine Erbsencremesuppe. Auf der Tafel standen außerdem Brot, passende Weine und Mineralwasser.
Für Zweierlei-Inhaber Walter Deutsch werden mit dem Sonntags-Konzept gängige gastronomische Prinzipien auf den Kopf gestellt. Der Gast hat keine Wahl - an Sonntagen gibt es nur den Braten. Außerdem soll er gemeinsam mit anderen Gästen pünktlich an der großen Tafel Platz nehmen. Die Suppe kommt in der großen Terrine auf den Tisch, der Braten und die Beilagen dampfen auf Platten um die Wette. Am Tisch ist Selbstbedienung angesagt, wobei alleine schon das Verteilen des Bratens für Kommunikation und Geschäftigkeit unter den Gästen sorgt. Das auf Suppe und Braten reduzierte Menü spart Personal in der Küche und beim Service. Und damit kann der Gastronom günstige Preise bieten: Wasser und Tischweine inbegriffen, zahlt der Gast 19,- Euro (Kinder 12,- Euro) für üppige Tafelfreuden.
Dass die große Tradition der Sonntagsbraten verloren ging, kann man mit der Veränderung der Familienstrukturen, aber auch mit neuen Freizeit- und Essgewohnheiten erklären. Mit ihnen haben sich die Sonntage verändert: Man frühstückt spät, flaniert, wenn es die Witterung zulässt, in den Parks, am Rhein oder unternimmt einen Ausflug in die „schoppenseelige“ Pfalz. Das ausgiebige sonntägliche Mittagsmahl: abgeschafft. Seit Jahren gibt es keinen Sonntagsbraten mehr.
In den 60 und 70-er Jahren galt es überdies als Inbegriff der Spießigkeit, sonntags mit der Familie zusammenzusitzen. Zum Glück ist das heute nicht mehr so, aber der Sonntagsbraten ist nicht wirklich auf den Familientisch zurückgekehrt. Das liegt wohl auch schlicht und ergreifend daran, dass viele Hobbyköche die Mühe und den Aufwand scheuen einen Sonntagsbraten zuzubereiten. Genau in diese Lücke stößt das Bistro-Restaurant an der Ecke Salzgasse/Johannesstraße mit seinem neuen Angebot: Was der kleine Haushalt nicht schafft und die á-la-carte-Gastronomie nicht leisten kann, präsentiert das Zweierlei mit seinem Sonntagsbraten.
Tim Mälzer, Küchenbulle mit scharfen Messern und coolen Sprüchen, erinnert sich noch genau an seine Jugenderfahrungen: „Wenn ich früher, mit 18, Sonntagnachmittag zu meiner Großmutter gegangen bin, Braten essen, wurde ich von Freunden immer bemitleidet. Heute sagen alle: Oh, wie süß, da ist jemand, der hat noch Werte.“ Wen wundert’s? Tim Mälzer hat schon immer den richtigen Braten gerochen!
Matthias Nowack
Kurzbewertung: Wie bei der Oma: Schmackhafter Sonntagsbraten!
Infoleiste: Bistro–Restaurant „Zweierlei“, Johannesstr. 1, Tel. 61110, Sonntagsbraten mit Suppe als Vorspeise. 19,- Euro, ohne Weine: 12,- Euro (nur sonntags, 12:30 Uhr). Empfehlenswert im Zweierlei auch das Samstags-Programm. Serviert wird der Klassiker unter den Fischsuppen: Bouillabaisse mit Rouille überbacken und Baguette: 14,50 Euro (nur samstags).
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