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Zukunft Rhein-Neckar-Dreieck

Kleine Schritte zur Versöhnung

 

Eine ganz persönliche Bilanz des 3. Schüleraustauschs Yavne-Speyer

Die Jacken hängen nicht mehr an der Garderobe. In zwei großen Koffern sind sie zusammen mit so manchem Mitbringsel wieder nach Israel zurückgekehrt. Zwölf Tage lang waren die beiden Lehrerinnen Cochava Madar und Yael Kalron mit 19 jungen Israelis aus der Stadt Yavne nach Speyer gekommen. Fast alle kamen zum ersten Mal nach Deutschland. Es war der dritte Austausch mit Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums am Kaiserdom und des Nikolaus-von-Weis-Gymnasiums. Die Jugendlichen lebten in dieser Zeit ebenso wie ihre Begleiterinnen in Familien aus Speyer und Umgebung. Cochava gesteht beim letzten Frühstück vor dem Rückflug: "Es fiel mir zunächst schwer, mir vorzustellen, dass ich so lange in Deutschland in einer Familie leben sollte." Und mit bewegter Stimme fährt sie fort: "Aber ich bin heute sehr froh, dass ich gekommen bin. Wir, die verantwortlichen Lehrerinnen und Lehrer aus Yavne und Speyer haben einen kleinen, aber wichtigen Beitrag geleistet zu mehr Frieden in der Welt." Ich bin selbst auch gerührt und gleichzeitig froh über diese positiven Worte.

Ihre Kollegin Yael war schon einmal in Deutschland mit einem touristischen Programm. Diesmal lebt sie in einer Familie. Das ist anders. Immer mal wiederkommen,wenn wir mit unseren Kindern deutsch sprechen, Erinnerungen auf an ihren Großvater, der früher mit seinen Kindern deutsch sprach. Behutsam kommt sie nach einer Woche auf die Vergangenheit zu sprechen. Ihre Schwiegermutter, die Auschwitz überlebte, habe jahrzehntelang über diese schlimmen Erfahrungen geschwiegen. Bis im letzten Sommer das Enkelkind von einer Reise nach Polen zurückkam und fragte: "Oma, Du warst doch auch dort...?!" Da begann die Großmutter zu reden, den ganzen Abend, bis spät in die Nacht...

Natürlich sind das nicht die einzigen Themen in den Gastfamilien. Abwechslungsreiches Programm und Freitzeit an den Wochenenden bieten Anlass zu den unterschiedlichsten Unternehmungen. Besuche der Sehenswürdigkeiten Speyers sowie Ausflüge in Städte der Umgebung wie Mannheim, Heidelberg, Schwetzingen, Mainz, Wiesbaden und Straßburg laden unsere Gäste ein, sich mit der Geschichte und der Gegenwart unserer Region zu beschäftigen. Sie besichtigen Kathedralen und Burgen, Schlösser und Parks, Universitätsgebäude und Museen. Besonders das Freudenberg-Museum in Wiesbaden mit seinen vielfältigen Erfahrungsbereichen wie dem Blindencafé hat ihnen gefallen. Sie besichtigen die Wormser Synagoge und den jüdischen Friedhof. Sie schlendern durch die Mainzer Innenstadt, vorbei an den Ständen, die für das Johannisfest aufgebaut werden und entdecken lustige Fotomotive. Natürlich suchen sie auch immer wieder die Einkaufsstraßen auf und nutzen mit großem Interesse die Sonderangebote der unterschiedlichsten Shoppingzentren. Die gemeinsame Übernachtung in einer Jugendherberge wird von allen ebensosehr geschätzt wie die Möglichkeit, sich in der Freizeit in kleinen Gruppen zu treffen und sich beim Minigolfen, Kegeln oder Baden näher kennenzulernen. So schreiben bei der Schlussauswertung Lena und ihre israelische Partnerin Tslil: "Es war eine tolle Erfahrung, die uns um wichtige Eindrücke reicher gemacht hat. Z.B. sich an fremde Jugendliche mit unterschiedlichem Alter, Sprache und Mentalität anzupassen, so dass jeder Spaß und Freude dabei hat... ."

Und dann ist da noch der Besuch des Konzentrationslagers Struthof im Elsaß. Die israelischen Jugendlichen haben den Tag daheim schon vorbereitet, haben Texte und ein Lied ausgesucht, dass sie für die anschließende Gedenkfeier eingeübt haben. Auch wir hatten uns vor dem Austausch mit diesem dunklen Kapitel der Geschichte des 20. Jh. beschäftigt, hatten mit Frau Eckler gesprochen, deren jüdische Mutter in einer Gaskammer den Tod fand. Wir gehen gemeinsam auf dem Gelände des KZ zu verschiedenen Stellen, informieren uns über das, was sich hier von 1940 bis 1943 zugetragen hat und sind zutiefst berührt. Julia sagt traurig, was wohl viele so empfinden: "Damals hat man hier Juden umgebracht. Wir sind heute hier mit Juden, mit denen wir uns sehr gut verstehen. Wir können das, was hier geschah, nicht fassen!" Manche wollen an diesem bedrückenden Ort mit sich alleine sein, sind still und bleiben immer wieder abseits stehen. Andere sind dankbar für den Trost, den sie erfahren, wenn die Traurigkeit immer stärker wird. Den Beobachter beieindruckt zutiefst, wie selbstverständlich israelische und deutsche Jugendliche sich gegenseitig Halt gewähren.

Anschließend findet eine Gedenkfeier statt, bei der wir Deutsche zeitweise eher Außendstehende sind. Die Israelis lesen die zuhause vorbereiteten Texte und singen dazwischen zwei Lieder.

Lena schreibt am Ende des Austausches darüber: "Am stärksten wurden wir alle von dem Besuch im KZ geprägt. Ich fand es sehr wichtig, daß wir diesen Tag zusammen mit den Israelis durchlebt haben. Nach diesem Besuch war das Verhältnis zwischen den Israelis und uns noch besser und intensiver." Und Tobias sagt: "Es war schlimm, zu erfahren, wie unsere Vergangenheit uns heute immer noch belastet. Es war eine gute Erfahrung, zu spüren, wie alle gemeinsam zusammenhalten und eine solch schwierige und angespannte Situation meistern. ... Abends blieb ich mit Asaf zuhause. Wir redeten lange über diesen Tag."

Mein Sohn Valentin bezieht wieder sein Zimmer, das er den israelischen Gästen zur Verfügung gestellt hatte. Der Alltag kehrt bei uns wieder ein. Die Spuren der Begegnung bleiben. Dafür sind wir dankbar. - Auf Wiedersehen in Israel. Hoffentlich läßt es die Politik zu...

Peter Sauter betreut den Schüleraustausch Speyer-Yavne als verantwortlicher Lehrer am Kaiserdomgymnasium zusammen mit Karin Germeyer-Kihm



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