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Zukunft Rhein-Neckar-Dreieck
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Erste Bürgerreise nach Yavne

 
"Wie die Trauben in einem Weinberg": Ein Land voller Geschichte und Geschichten, die jeder etwas anders erzählt - Lebendiger Austausch in der Partnerstadt

von Anne Stegat, RHEINPFALZ
Sechs Tage lang durchkreuzte eine Gruppe Speyerer Bürger Israel, um schließlich in der Partnerstadt Yavne für vier Tage vor Anker zu gehen. Es war die erste Bürgerreise, organisiert von den Stadtverwaltungen in Yavne und Speyer sowie den Freundeskreisen. Durch Israel auf Tour zu sein, bedeutet immer, auf Ausgrabungen zu stoßen. Für archäologische Forschungen, die Restaurierung und schließlich Präsentation der Funde nach modernen Erkenntnissen wird viel Geld ausgegeben, werden Experten aus der ganzen Welt konsultiert.

Zu eindrucksvollen Beispielen dafür wurden Caesarea, die Synagoge von Kapernaum (aus dem 2. Jahrhundert n. Chr.), die Festung Gamla, die Kreuzfahrerfestung von Akko und schließlich die beeindruckenden Reste von Bet Sche’an, seit 4000 Jahren v. Chr. bewohnt ist: eine hellenistisch-römischen Stadtanlage, die einmal Skythopolis hieß. Im Talmud steht: ‚‚Der Garten Eden liegt im Land Israel, und Bet Sche’an ist seine Schwelle.’’ Synagogen und jegliche Spuren jüdischen Lebens werden natürlich liebevoll restauriert und ebenso präsentiert - wie das berühmte Mosaik aus dem 6. Jahrhundert von Bet Alfa, über dessen mögliche Entstehung auch ein wunderschöner Film zu sehen ist. Aus all den historischen Zeugnissen, die auf die frühe, weit vorchristliche Besiedlung durch Juden weisen, schöpft Israel einen Großteil seiner nationalen Identität. Die Jahrtausende alte Geschichte liefert die Legitimation für neuerliche Besiedlung, auch die Vertreibung von Arabern. Oft verlief die Geschichte umgekehrt - und so ist man ständig konfrontiert mit Vertreibung und Wiederkehr, Zerstörung und Neubesiedlung.

Im Kampf um den Boden, im Kampf um das kostbare Wasser - ein Kampf um ‚‚die älteren Rechte’’ - finden wir vieles, das heute den politischen Grundkonflikt zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarstaaten sowie den Palästinensern ausmacht. Die neuen Siedlungen im Golan - wir sehen die Kibbuzim für Neueinwanderer - werden uns vorgeführt als Errungenschaften, die Brachland und Wüste fruchtbar machen und die natürlichen Ressourcen nutzen. Damit schafft Israel Tatsachen: baut Städte, siedelt Industrie an. Investitionen, die in die Milliarden gehen.

Und überall am Weg sind Transparente angebracht: der Golan muss in Israel bleiben. Der geplante Abzug aus dem Südlibanon stellt das Land vor eine Zerreißprobe. Längst nicht alle sind dafür, Land zurück zu geben, um endlich Ruhe zu haben. Aber es gibt Hoffnungsschimmer: Ein Beispiel ist der Frieden mit Jordanien. Ein verlässlicher Frieden, weil es dafür verlässliche Partner gibt, so wird uns versichert. Der Haschemitenkönig Hussein hat sich hohes Ansehen in Israel erworben, davon profitiert auch sein Sohn und Nachfolger. Während unseres Aufenthaltes kam es zu einer Begegnung der Staatsoberhäupter in Eilat. Und vielleicht - das bleibt eine Hoffnung - wird man irgendwann auch mit Syrien Kompromisse schließen können.

Ein Teil vom Frieden mit Jordanien basiert auf einer Grenzerfahrung im Sinn des Wortes: Von Höhenstraßen und Aussichtspunkten schauen wir im Ländereck des Golan den Nachbarn ins Gelände - Israel zwischen Libanon, Syrien und Jordanien. Umkämpftes Gebiet. Hier tob(t)en Kriege, es ist nicht zu übersehen. Aber Grenze bedeutet auch das: Wir fahren zu einem üppigen Blumenhain inmitten militärischer Anlagen und Grenzbefestigungen. Eine blonde Frau steht im Beet - es sind Gräber. Sieben. Mit sieben Namen, aus Blüten geformt.

Im März 1997 wurden hier sieben Schulmädchen erschossen - von einem jordanischen Soldaten wenige Meter weiter. Ein Aufschrei ging durch Israel. König Hussein von Jordanien kam damals persönlich, sich zu entschuldigen. Er ging in die Häuser der trauernden Familien. Er kniete nieder und bat um Vergebung. Das hat ihm große Achtung gebracht.

Die Frau, die den Garten für die Gräber anlegte, lebt im Kibbuz. Sie verlor selbst Mann und Sohn im Krieg gegen Libanon und gehört nun zu den Friedensaktivistinnen, die für den Rückzug Israels aus dem Südlibanon eintreten. Diese Geschichte erzählt uns Reiseführer Ruben, der die Frau aus seinem Kibbuz kennt.

Yavne: Moderne Stadt mit Historie

Yavne ist eine moderne und wachsende Stadt an der Peripherie knapp 30 Kilometer südlich von Tel Aviv. Ohne Stau schafft man die Distanz in 20 Minuten. Zumeist aber staut sich der Verkehr. Dennoch: Zum Arbeiten, Einkaufen und Amüsieren nehmen viele den Weg auf sich. Manchmal erst spätabends, um sich die Nacht um die Ohren zu schlagen. Denn Theater, Konzerte, Diskotheken oder Treffen im Restaurant - all das gibt es in Tel Aviv, in Yavne hingegen kaum. Deshalb wurde der Speyerer ‚‚Eulenspiegel’’ dort auf denkwürdige Weise berühmt: Eine gemütliche Kneipe fehlt, und Nizza, Ruthy und Lea, kürzlich zu Gast beim Frauenforum in Speyer, haben daheim wortreich die Vorzüge der Speyerer Gastronomie verbreitet. Vielleicht entstehen ja so Legenden?

Etwa 25 Prozent der Bevölkerung in Yavne sind religiös. Am Schabbat - von Freitag bis Samstag Sonnenuntergang - soll eigentlich Ruhe herrschen: keine Unterhaltung, kein Feuer, kein Strom. Was längst nicht mehr streng befolgt wird. Vor allem nicht in Tel Aviv. Und in Yavne gibt es ein bisschen von allem.

Yavne gehört zu den ältesten Städten Israels - bewohnt war der Ort seit 3000 v. Chr. Aber davon sieht man fast nichts mehr. Es gibt nur einzelne historische Zeugnisse: eine alte Brücke, eine Stückchen Turm, und schließlich ist da ein heiliger Platz, wo auch ein Stein auf den Rabbi Gamliel hinweist: nun ein Ort des Gebets für die Juden, zuerst aber Kreuzfahrerkirche, dann Moschee. Allein daraus ließe sich die wechselvolle Geschichte Yavnes erschließen, gelegen an einer alten Karawanenstraße, bewohnt von Phöniziern, Griechen, Makkabäern, Römern und Arabern. Yavne war einmal das Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit, nachdem Lehrer und Studenten vor den Römern aus Jerusalem fliehen mussten (1. Jahrhundert n. Chr.). Die Gelehrtenschule hieß Kerem-Yavne, Weingarten von Yavne, denn - so die Überlieferung - ‚‚die Gelehrten saßen in Reihen auf dem Fußboden wie die Trauben in einem Weinberg’’. Auch das höchste Gericht ‚‚San Hedrin’’ befand sich hier. Aus dieser Zeit stammen viele der Regeln und Gesetze, die orthodoxe Juden bis heute einhalten.

Später wohnten Christen in Yavne, dann 400 Jahre lang Moslems. Die Stadt wurde mehrfach zerstört. 1099 kamen wieder Christen und bauten auf den Ruinen ein ‚‚Himmelreich des lateinischen Jerusalem’’. Heute prägen Menschen vieler Hautfarben und Abkunft das Gesicht der Stadt: Einwanderer, in den vergangenen Jahren vor allem aus Äthiopien und Russland.

Nach dem Unabhängigkeitskrieg, mit dem auch die Araber aus der Stadt vertrieben wurden, waren die ersten Siedler in Yavne 26 Bulgaren. Die Anfangsjahre waren hart und voller Entbehrungen, man lebte in Zelten oder kaputten Häusern. Es gab keinen Strom, dafür Überschwemmungen und Krankheiten. Es kamen dennoch Marokkaner, Juden aus dem Irak, dem Jemen, Tunesien.

Wo viele Menschen zusammen kommen, gibt es Sprachgemisch. Die Israelis sprechen Hebräisch, und sie erkennen am Akzent, woher jemand stammt. Wir erleben das Faszinosum, sich in größerer Runde in vielerlei Sprachen und manchmal rudimentär zu verständigen. Dabei gilt der Grundsatz: Jeder spricht, so gut er kann und verwendet die Sprachen, die ihm geläufig sind. Wir treffen auf Leute, die fünf Sprachen beherrschen - hebräisch, englisch und französisch, oft polnisch, spanisch oder griechisch - je nach Abkunft. Oder arabisch. Und wir begreifen die kommunikationsfördernde Liebenswürdigkeit von ‚‚Gibbrisch’’ - die Sprache aus allem, was man kann, dazu Gesten, Mimik und viel Temperament.

Und wenn wirklich einmal nichts mehr hilft, wird nicht lang gerätselt, sondern umschrieben, nachgefragt - oder angerufen: Ob fehlende Hausnummern oder Straßennamen, Verabredungen und Treffpunkte, für alles gibt es in Israel das kleine Wunderding, und jeder hat es: ein Handy. Schon Kinder und Jugendliche telefonieren stundenlang und bei allem, was sie tun. Und unsere Gastgeber besitzen die Gabe, mit jemandem zu telefonieren und sich dennoch weiter zu unterhalten. Oft wird der Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung ins Geschehen einbezogen, um seine Meinung gefragt, als sei er dabei. Ist er dann auch.

Wie Nizza Geffens Tante Rita, die per Telefon in astreinem Hamburger Dialekt teilhat an der Unterhaltung. Und ich denke wirklich an Hamburg - sie aber erzählt: In Tel Aviv lebt sie längst, 83 Jahre alt, ausgewandert vor Jahrzehnten, rechtzeitig den Nazis entkommen. Die Schwester ist auch in Israel, und Nizza schon hier geboren. Internationales Familienleben ist selbstverständlich. Die Welt ist klein geworden: Es gibt Flugzeuge. Und Handys.

Aber manchmal braucht es einen Anlass, zusammen zu rücken: Die Partnerschaft zwischen Speyer und Yavne hat da viel bewirkt im Alltag der Menschen. Dadurch haben sich manche überhaupt kennengelernt. Nizza, Lea und Ruthy gar in Speyer, obwohl sie in Yavne im selben Viertel wohnen. Inzwischen sind sie befreundet, und - so hören wir schließlich am Schluss: Die (Gast)Familien haben sich heftig miteinander angefreundet. Das freut auch Rami Kassif, der den Freundeskreis in Yavne leitet. Damit es weiterhin zu herzlichen Begegnungen zwischen den Menschen kommt - in Yavne und in Speyer - lohnt sich die Kleinarbeit, meint auch Helge Kummermehr, Vorsitzende des Speyerer Freundeskreises.

Yavne setzt auf Hightech. Im Industriegebiet auf halbem Weg nach Tel Aviv sehen wir neue Fabriken, viele noch im Bau. Wir werden bei Orbotech empfangen, ein inzwischen weltweit operierendes Unternehmen mit 700 Mitarbeitern am Ort und noch einmal so vielen in den Dependancen. 280 Millionen Doller betrug der Umsatz im vergangenen Jahr. Hergestellt werden Boards für Chips, alles auf modernsten, computergesteuerten Maschinen: ein Board in 20 Sekunden.

Wirtschafts-Kontakte haben schließlich auch die beiden Bürgermeister verabredet. Projekte, Zusammenarbeit, Austausch - die Reise war ein Anfang, wie er kaum besser hätte sein können.





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