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50 Jahre Städtepartnerschaft

 
Leicht verschwommene Erinnerungen

Angefangen hat das Ganze etwas skurril-englisch: Eine Gruppe von Schulaufsichts-beamten der Grafschaft Lincolnshire weilte zum Erfahrungsaustausch bei Kollegen der Bezirksregierung (heute Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd) Neustadt, und die Neustadter Kollegen organisierten einen Ausflug in die Dom- und Kaiserstadt Speyer. Die Folge dieses Ausfluges: Einer der Teilnehmer kam auf die Idee, das könnte doch eine Partnerstadt für die Kreisstadt Spalding sein. Weitere Folge: Ein entsprechendes Schreiben des damaligen Chairman an den damaligen Speyerer Oberbürgermeister Dr. Paulus Skopp fiel im Stadtrat auf fruchtbaren Boden. Spötter meinten später, die Speyerer hätten zu jener Zeit nicht genau gewusst, wo Spalding liege, und die Hauptstadt Lincoln dieser Grafschaft mit ihrer Kathedrale hätte viel besser zu Speyer gepasst. (Lincoln ist heute die Partnerstadt von Neustadt.)

Spalding passt aber gar nicht einmal so schlecht zu Speyer: Die Römer waren dort, die Parish Church ist zwar nicht der Dom, aber auch sehr eindrucksvoll, und im District South Holland, mit dem Speyer nach der englischen Territorialreform auch verschwistert ist, gibt es viele sehr bemerkenswerte und berühmte historische Bauwerke. Vor allem: Der Menschenschlag dort ist nicht kühl-britisch sondern in seiner Art eher pfälzisch-offen, was im Laufe der vergangenen 50 Jahre zu vielen persönlichen, dauerhaften Freundschaften geführt hat.

Erste Begegnungen waren hoch offiziell

Die ersten Begegnungen waren natürlich
höchst offiziell und beide Seiten strengten sich an, sich von der besten Seite zu zeigen:Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung – zum Beispiel bis Stratford, mit einer Aufführung im Shakespeare-Theatre in der Originalsprache (keiner der Speyerer verstand auch nur das Geringste), oder mit den Spaldingern nach Frankfurt (Goethe) und Baden-Baden (ins Casino). Auch die ersten „Begegnungen“ mit der englischen Küche waren gewöhnungsbedürftig: Roastbeef mit Mintsauce (Pfefferminzsoße) oder Grilled Kipper (geräucherter Hering) zum Frühstück sind in Speyer und der Pfalz nicht so ganz üblich.

Bald folgten der Schüleraustausch, sowie Begegnungen auf kultureller und künstlerischer Ebene. Die Liste dieser städtepartnerschaftlichen Treffen ist lang, und wenn auch nicht alle Kontakte Bestand hatten (wie das bei vielen Beziehungen so ist), so ist doch bemerkenswert, dass nach wie vor Kirchengemeinden, Chöre und Freundeskreise diese Partnerschaft mit Leben erfüllen.Vor allem aber sind es die vielen persönlichen Freundschaften, die zum Teil schon jahrzehntelang bestehen – wie beispielsweise die Freundschaft zwischen den Architekten Stanley und Reinhardt –, die diese Städtepartnerschaft am Leben erhalten und ihr eine Zukunft bieten können.

Persönliches Interesse und Förderung durch die Stadtväter sind wichtig

Natürlich gab es auch „Durchhänger“ in der Partnerschaft. Oft steht und fällt eine solche Partnerschaft mit den Personen, die in vorderster Linie stehen. In den ersten Jahren war die Begeisterung auf Spaldinger Seite etwas abgekühlt, was den Speyerer Oberbürgermeister Dr. Skopp und den Beigeordneten Dr. Tochtermann veranlasste, persönlich nach Spalding zu reisen, um der Städtepartnerschaft einen neuen (An-)Schub zu versetzen – mit Erfolg wie man heute noch sieht.

Überhaupt „Reisen“: Das waren damals (vor rund 50 Jahren) noch richtige „Unternehmungen“. Mit dem Zug von Mannheim nach Hook van Holland, mit der Nachtfähre nach Harwich, mit dem Zug nach London, Bahnhof wechseln, weiter mit dem Zug nach Peterborough, von dort weiter nach Spalding (und die Gruppen waren nicht immer klein und überschaubar). Da blieben gelegentliche Aufregungen nicht aus: Einmal konnte das Ratsmitglied Margarete Boiselle ihre landing-card (sie beweist, dass der Passagier kein „blinder“ Passagier ist) nicht mehr finden; es bedurfte großer Überredungskünste sie „freizubekommen“.

Ein andermal bestieg die Speyerer Gruppe in Hook van Holland den Zug, ohne zu beachten, dass der ausgesuchte Wagen nicht nach Mannheim fuhr. Die Gruppe ging zum Frühstück in den Speisewagen, drei blieben im Wagen sitzen und bewachten das Gepäck. Sie landeten in Krefeld. Die Frühstücker waren ziemlich überrascht, dass „ihr“ Waggon nach dem Frühstück nicht mehr da war. Doch in Mannheim traf man sich wieder.

Zweifellos leidet eine so langjährige Beziehung unter Alters- und Nachwuchs- Problemen, doch zeigen die nach wie vor bestehende Schulpartnerschaft, die freundschaftlichen Beziehungen junger Familien des Round Table, die Kontakte zwischen den Kirchengemeinden, zwischen den South-Holland-Singers und dem Jungen Chor von Marie-Theres Brand und dem Mozartchor sowie die jährlichen Bürgerreisen, die Aktivitäten der Freundeskreise und die vielfältigen privaten Kontakte zwischen Familien, dass die Partnerschaft lebendig geblieben ist und zu der Hoffnung berechtigt, dass es auch in Zukunft so bleiben wird, und die erste Städtepartnerschaft Speyers weiter Blüten treibt.

Ernst Franck



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