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Speyer auf der Suche nach einer chinesischen Partnerstadt?
Ein Reisebericht von Matthias Nowack
9 Tage bereist Anfang November eine Delegation des Speyerer Stadtrates unter der Leitung von Oberbürgermeister Werner Schineller die südost-chinesische Provinz Fujian.
Über die Millionen-Metropole Shanghai fliegen die Speyerer nach Fuzhou, der Provinzhauptstadt von Fujian, und machen sich dort mit dem Kleinbus auf den Weg, die Küstenlinie der rheinland-pfälzischen Partnerprovinz Fujian zu erkunden. An der 3324 km lange Küste liegen bedeutende Seehäfen wie Xiamen, Putian, Fuzhou und Ningde.
Die Teilnehmer dieser Reise erleben dabei boomende Millionenstädte, wunderschöne Naturlandschaften und unzählige freundliche und offene Menschen, deren Interesse an der westlichen Welt und insbesondere an Deutschland ungebrochen ist. Dabei haben die Küstenregionen Fujians in den letzten Jahren einen für unsere Verhältnisse unglaublichen Wirtschafts- und Bauboom erlebt, der die deutschen Vorstellungen von Stadtentwicklung vollkommen sprengt. Aber die rasante Entwicklung des Landes ist voller Widersprüche und man kann auch, nur wenige Kilometer abseits der Küstenautobahnen, sehr ländliche Gebiete entdecken, in denen das „Alte China“ der einfachen Leute noch zu erleben ist.
Warmherziger Empfang in Ningde
Der Empfang im Norden der Provinz ist überaus herzlich. Eine Abordnung der Stadtverwaltung Ningde begrüßt die Speyerer schon an der Stadtgrenze, um sie gleich nach der Ankunft mit der Zukunft der Millionen-Stadt vertraut zu machen. Bei einer Hafenrundfahrt zeigt man den Gästen das größte Entwicklungspotential der Stadt, die Sandu’ao Bucht. In dieser Bucht wird seit der Tang-Dynastie Handel betrieben, aber wegen der Nähe zu Taiwan war der riesige Naturhafen Jahrzehnte lang kaum zugänglich und wurde vornehmlich militärisch genutzt.
Das wird sich bald ändern, denn mit Milliarden-Investitionen sollen dort innerhalb von 10 Jahren riesige Werft- und Industrieanlagen, aber auch touristische Nutzungen entstehen. Die Bucht ist fast vollkommen von Land umgeben und gilt als der tiefste natürliche eisfreie Hafen der Welt. Die Fahrt geht vorbei an schwimmenden Fischerdörfern, die nur mit Holzblanken zusammengehalten werden. Austernbänke und Fischzuchtanlagen bestimmen das Bild. In der Ferne sind große Container-Schiffe auszumachen. Schade nur, dass keine Zeit bleibt, die Sandu´ao Insel zu besuchen, auf der es noch einige Bauten aus der Kolonialzeit und eine alte katholische Kirche der Spanier zu sehen gibt.
Beeindruckend auch, trotz Nieselregen, der Ausflug von Ningde ins Taimushan-Gebirge, dem „Feenland über dem Meer“. Der verkarstete Gebirgszug mit teilweise skurrilen Felsformationen hat eine Fläche von 60 km² und ist auf zwei Seiten vom Meer umgeben. Das Gebirgsmassiv, in dem gegenwärtig ein Nationalpark aufgebaut wird, besteht aus 54 Gipfeln. Der Hauptgipfel, Moxiao, ist 1.081 Meter hoch. Reisende finden hier ein ursprüngliches China – mit steilen Reisterrassen und einsamen Dörfern.
Nach einer Legende geht der Name des Gebirges auf eine alte Frau zurück, die während der Regierungszeit des Urkaisers Yao dort in der Abgeschiedenheit Orchideen züchtete. Als sie die Unsterblichkeit erlangte, flog sie zum Himmel empor. Die atemberaubende Berglandschaft hoch über dem Meer hat natürlich in besonderer Weise das religiöse Leben inspiriert. Mehrere Tempelanlagen werden gerade restauriert. Ein prunkvoller neuer Tempel mit 500 lebensgroßen Marmorstatuen ist fast fertiggestellt.
Der Shaolin-Tempel in Putian
In Putian, etwa in der Mitte der Provinz Fujian, können die Speyerer sehen, wie sich eine aufstrebende Stadt ein neues Zentrum schafft. Auf der grünen Wiese wird ein großer Platz angelegt, drum herum die wichtigsten städtischen Einrichtungen neu gebaut (Stadtverwaltung, Finanzbehörde und Banken), ganze Wohnviertel werden schlüsselfertig daneben gesetzt. In ein paar Jahren, so der Vertreter des städtischen Außenamtes, wird dort das Leben pulsieren, während die alten, noch mit Holz gebauten Handwerkerhäuser im Markt-Viertel des alten Putian nach und nach der Abrissbirne zum Opfer fallen.
Einen eindrucksvollen Kontrast zur rasanten wirtschaftlichen Entwicklung der chinesischen Küstenstädte bilden immer wieder die Tempelanlagen. In der Kulturrevolution weitgehend zerstört, werden sie nach und nach liebevoll restauriert und wieder ganz von buddhistischen Mönchen in Besitz genommen. In Putian ist es der berühmte südliche Shaolin-Tempel, der die Gläubigen, darunter sehr viele junge Menschen, scharenweise in die Pagoden lockt. Mit Räucherstäbchen in den Händen machen sie ihre Verbeugungen vor auserwählten Buddha-Statuen und bitten um Geld, Gesundheit und andere irdische Güter…
Xiamen – der Garten auf dem Meer
In Xiamen, der letzten Station der Speyerer Delegation in Fujian, scheinen alle weltlichen Träume erfüllt, die Stadt zählt zu den ersten 4 Wirtschaftssonderzonen der Volksrepublik China. „Lasst den Westwind herein, Reichtum ist ruhmvoll“, war damals die Parole von Machthaber Deng Xiaoping. Und die wurde befolgt: Ein unerhörter Bauboom setzte ein, Millionen Chinesen aus allen Teilen des Landes strömten in die Sonderwirtschaftszonen und fortan entwickelte sich eine völlig neue Wirtschaftsordnung, der so genannte „Sozialismus chinesischer Prägung“.
Zu den eindrucksvollsten Erfahrungen dieser Reise zählt, in einer lauen Novembernacht auf der Dachterrasse eines Cafés zu sitzen, die kunstvoll beleuchtete Skyline von Xiamen am Wasser zu bewundern und mit chinesischen Freunden über die Eigenheiten des neuen Chinas zu reden. Was in Xiamen in den letzten 20 Jahren geschaffen wurde, kann sich mit jeder westlichen Großstadt messen lassen. Die auch touristisch sehr interessante Stadt am ostchinesischen Meer gilt wegen ihrer Parkanlagen und ihrer üppigen Vegetation als „Garten auf dem Meer“.
Die 20-Millionen-Metropole Shanghai
In Shanghai schließlich, der 20-Millionen-Metropole, haben Glas, Marmor und Wolkenkratzer endgültig die alten Stadtviertel verdrängt. Am sichtbarsten wird dieser Wandel in Pudong, dem neuen Stadtteil östlich des Huangpu-Flusses, der Shanghai durchzieht und in dem die Bankentürme wie Pilze aus dem Boden schießen. Eine Hafenrundfahrt und ein abendlicher Bummel in der mit bunten LED-Anzeigen grell beleuchteten Nanjing-Road machen klar, dass hier auch die großen westlichen Markenanbieter eingezogen sind.
Wie eine Insel erscheint dabei der uralte Yu-Garten im Herzen der Altstadt. Auch der Teich nebenan mit dem alten Teehaus darf bleiben. Doch von kontemplativer Ruhe kann auch in der Altstadt keine Rede sein. Dicht an dicht drängen sich die Menschenmassen durch die engen Gassen, in denen überladene Souvenir-Läden und westliche Imbiss-Ketten längst ein zu Hause gefunden haben.
Erstaunliche Offenheit der Menschen
In einem waren sich die Teilnehmer dieser Reise einig: Es sind gerade die Menschen in China, die trotz Bauboom und Wirtschaftswunder letztendlich am eindrucksvollsten überzeugen. Die Speyerer sind überwältigt von der Freundlichkeit und Herzlichkeit, mit der sie in den Küstenstädten von Fujian und in Shanghai empfangen werden. Hinzu kommt eine erstaunliche Offenheit, mit der politische und wirtschaftliche Fragen diskutiert werden. Gerade diese Neugier der Menschen und ihr intensives Bemühen um eine Öffnung nach Deutschland schaffen eine gute Basis für weitere Kontakte mit einer chinesischen Stadt. Diesen Schritt muss jetzt der Speyerer Stadtrat beraten.
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